2010AmerikaUSA

Der Ruf der Wildnis: unterwegs in Alaska

Drei Meilen vor der Hafenstadt Anchorage beginnt Amerikas letzte Wildnis: Alaska – gigantische Berge, tiefdunkle Wälder, glitzernde Flüsse und eisige Gletscher bis zum Horizont.

„Großes, weißes Land“ nannten die Indianer ihre Heimat, „alyeska“, und auch in Anchorage, wo mit 280 000 Menschen mehr als die Hälfte der Einwohner des größten amerikanischen Bundesstaates leben, endet die Zivilisation bereits wenige Kilometer außerhalb der Stadt- grenzen. Dann verengt sich der zuvor gut ausgebaute Highway zum zweispurigen, brüchigen Asphaltband. Mit jedem Kilometer nimmt die Feldstärke des Handys ab, wird die Stimme aus dem Radio krächzender.

Dann Stille. Einsamkeit. Nebelschwaden tanzen um namenlose Berge, mit lautem Krachen kalbt ein Gletscher in einen grünblauen See. Stundenlang säumen solchen Szenerien die schnurgerade Fahrt. Dann bahnen sich Sonnenstrahlen durch die Symphonie in Grau, Weiß und Grün, und ein Berg türmt sich wuchtig, weiß und erhaben aus dem Land: der Mount McKinley. „Denali“, den Großen, nannten die Indianer den mit 6.194 Metern höchsten Berg Nordamerikas.

Wildes Alaska: der Denali Nationalpark

Auf Tiersuche im Denali-Park

Ihn umgibt der berühmteste und drittgrößte Nationalpark Alaskas. Eine Parkstraße erschließt die wildreiche, subarktische Landschaft. Hinein geht’s nur mit den Pendelbussen der Nationalparkverwaltung oder einem gelben, klapprigen Schulbus – individuelle Fahrten sind verboten, Fotostopps nur an bestimmten Plätzen möglich.

„Hier bekommt ihr alle Wildtiere zu Gesicht“, verspricht unser Guide Derek. „Grizzlys, Elche, Karibus, Dallschafe und mit etwas Glück auch Steinadler.“ Doch während der Bus quietschend Kehre um Kehre erklimmt und die Baumgrenze der Taiga erreicht, hoppeln stets nur Kaninchen vorbei. Derek merkt, wie die Stimmung sinkt. Fünf Stunden unterwegs, und noch immer kein Bär oder Elch. Lustlos baumeln Ferngläser und Kameras vor der Brust.

Das einzg „wilde“ Tier, das wir im Park sehen, ist… ein Murmeltier (Marmot)

„Bei uns heißt die Wahl Berg oder Tiere“, erklärt er, „wenn der Mount Kinley gut zu sehen ist, machen sich die Tiere rar – sie können besser an trüben Ta- gen jagen, weil sie dann später erkannt werden.“ Und, als ob sie Dereks letzte Worte gehört haben, funkeln kurz darauf beim Fotostopp die Eisspitzen der Alaskakette auf der spiegel- blanken Wasserfläche des Wonder Lake um die Wette.

Bereits fünf Jahre nach der Gründung des Nationalparks wurde Denali an die Bahn angeschlossen. Heute gehört die Fahrt auf der einzigen Bahnlinie des Landes – die White Pass & Yukon Route ist heute stillgelegt – zu den schönsten Schienenreisen der Welt. Vom oberen Stock der Alaska Railroad, deren Spitzentempo von  50 Kilometern in der Stunde immer noch ein genüssliches Betrachten erlaubt, öffnet das verglaste Dach eine Panorama-Rundsicht auf die Wildnis der Extreme.

Die Alaska Railroad zuckelt ganz gemächlich von Anchorage nach Fairbanks.

Tagsüber klettern die Temperaturen im Sommer auf mehr als 40 Grad, abends kriecht trotz langer Tage der Frost in die Glieder. Und während die Bahn gemütlich durch Fichten- und Birkenwälder zuckelt, dann wieder überraschende Ausblicke frei gibt, durch Tunnel schnauft und bei Schranken laut pfeift, kommt die Natur näher als im Nationalpark.

Ein Schwarzbär flüchtet ins Unterholz; seelenruhig schauen Karibus dem entschwindenden Zug nach. Nach vier Stunden erreicht der blaue-gelbe Zug Fairbanks. Die kleine Metropole am Chena River ist trotz Shopping Malls, Trailer Parks und Uni noch immer eine Pionierstadt. Gegründet wegen des Goldes, gewachsen mit Öl. Wenn Russland 1886 gewusst hätte, welch reiche Bodenschätze das Land barg, hätte es seine Kolonie 1867 kaum für 7,2 Millionen US-Dollar hergegeben. Allein sieben Millionen Unzen Gold holte die Fairbanks Exploration Company zwischen 1928 und 1959 aus dem Untergrund.

Bei der El Dorado Gold Mine dürfen Besucher gegen harte Dollar beim „Panning“ selbst die Pfanne schwenken und das Gold aus der Erde waschen – ein winziges Goldkorn bleibt garantiert im Sieb hängen. Viel größer sind die Nuggets, die im 40 Kilometer entfernten Fort Knox im Tagebau der Erde entrissen werden. Zehn Millionen Unzen soll der Fels bergen. In Fort Knox darf ich einen Goldbarren halten…

Ganz schön schwer, so ein echter Barren Gold!

Fangfrischer Lachs zum Verkosten

Während die Sonnenstrahlen langsam länger werden, taucht ein alter Raddampfer hinter ei- ner Flussbiegung auf: die Dis- covery III. Von früh bis spät schippert das Nostalgieschiff mit Busladungen den Chena River entlang. Erster Stopp ist bei der bekannten kanadischen Hundeschlittenführerin (Musherin) Susan Butcher, die ihre Huskies vorführt – die zierliche Frau hat vier Mal den Iditarod, das härteste Schlittenhunderennen der Welt, gewonnen.

Im Chena Village präsentierte diese junge Frau die „Sonne“.

Der Kapitän zieht die Dampfpfeife, die Gäste applaudieren, und das behäbige Riverboat folgt nun dem Tanana River, dem größten Nebenfluss des Yukon, bis zum Chena Village, wo die Gäste bereits erwartet werden. „.Das ist unser Lachsrad“, sagt Trisha, die mit dem Sommerjob ihr Studium finanziert. „Die Strömung treibt die Fische in die Fangkörbe, und wir müssen die Tiere dann nur noch zerlegen.“ Und, zack, ist der Fisch filetiert und wird zum Verkosten gereicht. Weiter nördlich liegt Schwefelgeruch über den Wäldern am Chena River. 40 Grad warm sprudelt das Quellwasser in die eingefassten Badebecken.

Juneau: Blick von der Mount Roberts Tramway auf die Kreuzfahrtschiffe am Kai

Am nächsten Morgen geht es weiter mit dem Flieger nach Juneau. Alaskas Hauptstadt kommt ohne Straßenanschluss ins Hinterland aus. Dafür drängen sich Kreuzfahrtschiffe entlang der Kailinie des Gastineau-Kanals. Etwas abseits der eleganten Traumschiffe ist das Flaggschiff der staatliche Fährflotte vertäut: M/V Kennicott, die 116 Meter lange, preiswerte Alternative mit 320 Kojen in Vier- und Zweibettkabinen sowie Kino an Bord. Auch sie tuckert täglich durch die Inside Passage, diesem Labyrinth schmaler Wasserwege, in denen tückische Strömungen und gefährliche Felsen lauern, geschaffen vor Millionen Jahren durch die Gewalt riesiger Gletscher.

Mit M.V. Kennicott unterwegs in der Inside Passage

Tiefe Fjorde wechseln mit kleinen, glatten Granitinsel und endlos weiten Wasserwelten. Seeotter tauchen neugierig aus dem Nordpazifik auf, dann einige Tümmler, und, ja, dort, die Fluken von Walen! Kameras klicken, Fernrohre wandern von Hand zu Hand.

In Skagway endet die Tages- Etappe durch die Inselwelt. In der großen Zeit des Goldrausches stolperte das Kaff inner- halb von wenigen Monaten aus der Anonymität in die Schlagzeilen der Weltpresse. Das Erbe seiner kurzen, heftigen Boomzeit lockt heute Besucher aus aller Welt an. Das perfekt konservierte Golddigger-Camp verbindet Alaskas Geschichte und grandiose Landschaft in einmaliger Weise.

Skagway: Hafen der Kreuzfahrtschiffe und Tor zum Heli-Hiking

Hier nostalgische Holzfassaden, rauchige Saloons, klimpernder Ragtime und schnaufende Dampfloks, dort ein Fjord, umgeben von schneebedeckten Gipfeln, die ein Tal abschirmen, das keinen Ausgang zu haben scheint: Alaska, wie es im Buch steht. Willkommen in Jack Londons Land – bis heute faszinierend wild.

Dieser Beitrag ist 2010 in der Frankfurter Rundschau erschienen.

Skagway ist eine Hochburg des Heli-Hiking: Mehr dazu erfahrt ihr hier

 

Alaska in den „Fliegenden Blättern“ der Frankfurter Rundschau.

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