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Silkeborg: Mekka für moderne Kunst

Als Stadt der Kunst hat sich Silkeborg weit über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht. Die Werke von CoBrA-Künstler Asger Jorn und Kollegen der Moderne lassen sich in der Hauptstadt des mitteljütländischen Seenhochlandes ebenso bestaunen wie spannende Gegenwartskunst.

100 Jahre lang, von 1883 bis 1983, labten sich Kurgäste am heilenden Wasser direkt aus der Arnakke-Quelle. Heute ist die ehemalige Wasserkuranstalt von Silkeborg in Mitteljütland ein Mekka für moderne Kunst. Am Ufer des Ørnsø verschmelzen – wie beim ungleich berühmteren Museum Louisiana am Øresund von Seeland – Kunst und Natur zu einem Gesamtkunstwerk

Joan Hall: „Your Existence is not Unlike my Own“ im Kunstcentret Silkeborg Bad. Foto: Hilke Maunder

Das Schöne daran: Nur Kenner finden bislang den Weg hierher, und so bleibt Zeit, Raum und Muße, die ausgestellte Kunst im weitläufigen Park, im Kurhaus (Kurbygning) und in der Waldvilla (Skovvilla) zu genießen. Zu sehen sind jährlich wechselnde Ausstellung internationaler Künstler wie Joan Hall.  Sie zeigt dort 2010 Installationen zum Thema „Your Existence Is Not Unlike My Own“.

Joan Hall: „Your Existence is not Unlike my Own“ im Kunstcentret Silkeborg Bad. Foto: Hilke Maunder

Ebenfalls zu sehen sind Werke schwedischer und dänischer Künstler wie Sören Hüttel oder Sören Lindgaard. Zum Wahrzeichen des KunstCentret Silkeborg Bad wurde jedoch der Vandmanden, eine leuchtend blaue Skulptur, umgeben von Granitkieseln, aus dessen Körper Wasserfontänen schießen.

Typisch dänisch ist auch die Einbindung des Nachwuchses beim Kunstbesuch: Für ihn hängen im ehemaligen Kurhaus bunte Beutel am Haken, gefüllt mit Fotokarten, deren Motive zu entdecken und auf einer Suchkarte anzukreuzen sind. Wer alles gefunden hat, darf sich als Dankeschön eine Kunstpostkarte aussuchen.

Entdecker-Beutel für Kinder: Findet ihr die Motive? Foto: Hilke Maunder

Neben Reproduktionen von Werken, die im KunstCentret zu sehen waren, gibt es auch Karten mit Werken des Mannes, dem Silkeborg den Ruf als Kunststadt verdankt: Asger Oluf Jørgensen, der als Asger Jorn (1914 – 1973) wie kein Zweiter nach dem Zweiten Weltkrieg die dänische Kunst geprägt hat.

Als 15-Jähriger war er nach Silkeborg gekommen, hatte dort private Malstunden bei einem Verwandten erhalten und begonnen, Landschaften und Portraits zu malen, die er 1933 in Silkeborg erstmals zeigte. Paul Klee, Joan Miro und Max Ernst waren die Vorbilder des jungen Jorn; 1937 arbeitete er zusammen mit Fernand Léger an großformatigen Dekorationen für Le Corbusiers „Pavillon des Temps Nouveaux“ anlässlich der Pariser Weltausstellung.

Doch schon wenige Jahre stellte Jorn die Pariser Vorherrschaft in der Kunst in Frage und gründete mit den Niederländern Karel Appel und Constant und den Belgiern Corneille, Joseph Noiret und Christian Dotremont die Künstergruppe CoBrA, deren Name auf die Herkunft der Mitglieder verweist: Copenhagen, Brüssel, Amsterdam. Radikal brachen die CoBraA-Künstler mit den Konventionen und Formprinzipien und forderten mehr Spontaneität und Expressivität in der Kunst.

Das Asger-Jorn-Museum in Silkeborg. Foto: privat (Reiner Büchtmann)

Vordenker und Theoretiker der CoBrA-Künstler war Jorn. „Der Mensch ist seine Kunst“, schrieb er 1958 in seinem Hauptwerk „Plädoyer für die Form“, das eine neue Methodologie der Kunst fordert, eine „Philosophie des Imaginären, die befreit von den alten metaphysischen Systemen“. Kunst wird für Jorn „reine Erfahrung“; wichtiger als das „Was“ bzw. das Produkt sei das „Wie“ – das Produzieren.

In leuchtenden, pastos aufgetragenen Farben zeigen seine Gemälde oft kaum fassbare Wesen, die zwischen Tier und Mensch stehen – Figuren zwischen Abstraktion und Zufall, empfangen aus den tieferen Schichten seiner Psyche oder des kollektiven Unterbewusstseins. Bilder und Skulpturen von Kindern oder Geisteskranken inspirierten Jorn daher ebenso wie die archaische Kunst von Naturvölkern oder Werke längst vergangenen Epochen wie der Wikingerzeit.

Doch trotz seiner Reisen, seiner Auslandsaufenthalte und seines Selbstverständnisses als Weltbürger und Internationalist blieb Asger Jorn stets Dänemark und besonders Silkeborg eng verbunden. Besonders in den letzen zwei Jahrzehnten seines Lebens arbeitete der Künstler und Sammler eng mit dem Museum seiner Heimatstadt zusammen und vermacht ihm schließlich mehrere tausend Grafiken, Malereien und Objekte von ihm selbst und 150 Zeitgenossen.

Jorns Anspruch lag in der Dokumentation der abstrakt-spontanen Kunst, nicht in dem Versuch, Meisterwerke zu sammeln. Trotzdem sind solche in Silkeborg zu sehen. Allen voran zwei Hauptwerke von Asger Jorn, die im 2010 eröffneten Jorn-Museum präsentiert werden: das Monumentalgemälde „Stalingrad“, an dem er zwischen 1957 und 1972 immer wieder arbeitetet, und der 14 Meter lange, 1,80 m hohe Gobelin „Die lange Reise“.

38 Jahre lang hatte er ungeschützt im Århus Statsgymnasium gehangen. Die Folge: Die 200 Farben, die im Teppich verwebt wurden, begannen zu verblassen. Heute gibt es zwei Versionen der Tapisserie: das historische Original, das restauriert und geschützt in Silkeborg hängt – und ein neuer Wandteppich, der nach alter Technik mit neuen Garnen nach Jorns Entwurf für das Gymnasium gewebt wurde.

So sahen die Zimmer für Kurgäste einst aus. Foto: Hilke Maunder

Silkeborg: Info

Museum Jorn

Gudenåvej 7-9, DK – 8600 Silkeborg, Tel. +45 86 82 53 88, www.museumjorn.dk; Dienstag – Sonntag 10.00 – 17.00 Uhr, im Winter werktags erst ab 12.00 Uhr

KunstCentret Silkeborg Bad

Gjessøvej 40, DK –8600 Silkeborg, Tel. +45 86 81 63 29, www.silkeborgbad.dk; Mai – September Dienstag – Freitag 10.00 – 16.00 Uhr, Sonnabend/Sonntag 11.00 – 17.00 Uhr, Oktober – April Dienstag – Freitag erst ab 12.00 Uhr

Bunkermuseum

Gjessøvej 40, DK – 8600 Silkeborg, Tel. +45 86 81 38 85, www.silkeborgbunkermuseum.dk

Inmitten der Parkanlage der Wasserkuranlage am Ørnsø befand sich während des Zweiten Weltkrieges vom 5. November 1943 bis 6. Juni 1945
 auch das Hauptquartier der Deutschen Wehrmacht unter dem Vorsitz von General der Infanterie Herman von Hanneken und später Generaloberst George Lindemann.

Heute ist der Mannschaftsbunker vom Typ R622 ein Bunkermuseum, das sonntags von 13.00 – 16.00 Uhr nicht nur die Geschichte des Hauptquartiers, sondern auch das Schicksal der Flüchtlinge dokumentiert. Ausgestellt sind auch Waffen und Uniformen.

Auskunft

VisitDenmark

Glockengießerwall 2, D – 20095 Hamburg, Tel. 01805 / 32 64 63, (0,14 € je Minute aus dem Festnetz, max. 0,42 € je Minute aus dem Mobilfunknetz), www.visitdenmark.com

Silkeborg Turistbureau

Havnen, Åhavevej 2A, DK – 8600 Silkeborg, Tel. +45 86 82 19 11, www.silkeborg.com

Dieser Beitrag wurde 2010 als Auftragsarbeit für Visit Denmark verfasst und von zahlreichen deutschen Medien veröffentlicht.

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