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Perlen vor der Küste: Sanibel & Captiva

Wie eine natürliche Barriere liegen die Inseln Sanibel und Captiva in der See vor Florida. Deshalb werden dort Abertausende Muscheln auf den weißen Sandstränden angespült. Daraus schlägt man auf den Inseln Kapital. Aber traumhaft schön anzusehen ist es auch.

Eine zwei Kilometer lange Brücke führt vom Festland hinüber in eine andere Welt: Vergessen ist der Showkommerz Orlandos, die Action am Atlantik. Auf Sanibel und Captiva präsentiert Florida ruhig und gelassen seine natürliche Schönheit.

Auf den beiden Inseln im Golf von Mexiko ist es gelungen, die Belange der Bewohner, der Urlauber und der Natur in Einklang zu bringen. Sämtliche Häuser und Hotels ducken sich in angemessenem Abstand zu den puderweißen Sandstränden unter australischen Pinien und blühenden Bougainvilleas von Pink bis Purple. Bauen in Beton ist verpönt, Holz in sämtlichen Farbtönen hip. Strenge Auflagen begrenzen sämtliche Bauten auf ein Stockwerk. Auch ungewöhnlich für die USA: Autofahrer sind Außenseiter, Radfahrer haben Vorfahrt. 50 Kilometer markierter Radwege erschließen die schönsten Ecken.

Fast die Hälfte der 20 Kilometer langen und drei Kilometer breiten Insel Sanibel steht unter Naturschutz. Den Norden bedeckt das 20 Quadratkilometer große J.N. „Ding“ Darling Wildlife Refuge. Mit seinem Namen erinnert es an den New Yorker Karikaturisten Jay Norton Darling, der seine Zeichnungen mit „Ding“ signierte und sich bereits in den 30-er Jahren für den Schutz der Sümpfe und Süßwassermarschen auf seiner bevorzugten Urlaubsinsel einsetzte.

Der frühe Morgen oder Abend ist die beste Zeit, um zu Fuß, per Rad oder auf den beiden Kanutrails der Tarpon Bay die Tiere zu beobachten – 300 verschiedene Vögel, 50 Amphien- und Reptilienarten, 32 Spezies von Säugetieren. Silberreiher, seltene weiße Pelikane und Rosenlöffler waten in den flachen Fluten, umgeben von Wäldern aus Wurzeln: Mangroven. Seeschildkröten kriechen auf den Strand. Ein Alligator liegt ruhig in der Sonne. Für Autofahrer wurde ein acht Kilometer langer Damm als Wildlife Drive angelegt. Östlich erschließt ein 6,4 Kilometer langer Wanderweg einen weiteren Naturpark, der das Innere der Insel rund um den Sanibel River schützt. Mit Glück lassen sich hier Otter beobachten.

Muschelsammler am Strand: der legendäre Sanibel „stoop“

An den 30 Kilometer langen Stränden von Sanibel sind seltsam gekrümmte Gestalten zu sehen: Den Blick auf den Boden gesenkt, verfolgen die Urlauber konzentriert die Uferlinie. Als “Sanibel stoop“ wurde die Haltung der Muschelsammler in den Vereinigten Staaten zum geflügelten Wort. Den illustrierten Muschelführer der örtlichen Handelskammer in der Hand, wandern sie bei Niedrigwasser im Schatten des alten Leuchtturms (1884) den Lighthouse Beach entlang, suchen beiderseits der Blind Pass-Brücke nach Captiva auf dem Turner Beach nach den schönsten Stücken oder durchwühlen den Sand am Bowman Beach. Nur tote Teile wandern in den Eimer – lebende Muscheln dürfen nicht entfernt werden.

275 verschiedene Arten mit so klangvollen Namen wie Angel Wing, Lightning Welk oder Calico Scallop leben in den Gewässern ringsum, weitere 500 andere Arten schwemmen lang anhaltende Winde und starke Strömungen im Golf von Mexiko an die Küste. Warum es so unendlich viele sind, liegt in der Geographie begründet. Anders als die anderen Inseln, verlaufen Sanibel und Captiva nicht von Nord nach Süd, sondern von Ost nach West – und bilden so eine natürliche Barriere mitten im Meer.

Dank dieser Sonderstellung konnte Sanibel Seashell Industries zu einem der weltgrößten Muschelhändler expandieren. Mehr als 10.000 Exemplare stapeln sich im Lager. Verkauft wird in alle Welt, geordert im Internet oder vor Ort. Nur wenige Radminuten entfernt, berichtet das einzige Muschelmuseum der USA über die natürlichen Lebensräume der Mollusken, ihre wirtschaftliche Nutzung – und ihren Einfluss auf die Kunst.

Denn: Bei aller Natur – ohne Kultur könnten sich die Bewohner von Sanibel ihr Leben kaum vorstellen. Nahezu jede kleine Ladenzeilen beherbergt Galerien, überall preisen örtliche Künstler ihre Werke zum Kauf an: Keramik, Gemälde und „freie Kreationen“. Bereits 1979 schlossen sich einige einheimische Künstler zur Barrier Island Group for the Arts (BIG Arts) zusammen. Heute betreiben sie ein Kulturzentrum mit drei Sälen, laden zu Lesungen, Filmabenden, Konzerten und Ausstellungen, veranstalten Workshops und sponsern den alljährlichen Wettbewerb der Kunsthandwerker im November. Klassische Musik auf höchstem Niveau präsentiert das “Sanibel Music Festival”, in den 80-er Jahren von Marilyn Lauriente unter dem Motto “Save March for Music”, gegründet: Klavier- und Kammermusik, Oper und Schulkonzert für die Kleinen.

Den Bogen zurück zur Natur schlägt Danny Morgan. Der Barde, der mit Barry Manilow und Joe Cocker; Jimmy Buffet und Mike Reid gemeinsam musizierte, kennt in seinen Songs nur ein Thema: das leichte Leben auf den Inseln – mit “Beach Life” und dem “Captiva Moon”.

Diese Beitrag ist 2001 auf Spiegel Online erschienen.

Übersät von Muscheln: die Strände von Captiva und Sanibel

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