2001AmerikaUSA

Tierisch im Trend: Mit Flipper durch die Fluten

„Swim with the Dolphins“: Dieser Aufforderung kommen immer mehr Urlauber nach – in Florida, Australien, Japan und erstmals in Europa: im Dolfinarium von Harderwijk. Für die einen ist das Bad mit Flipper der ultimative Freizeit-Trend, für andere Therapie. Für die Tiere endet das teure Vergnügen oft tödlich.

Bis zu den Schultern steht Myrtle Buchanan mit fünf weiteren Gästen im warmen Salzwasser der Lagune. Mit ihren Händen streicheln die junge Frau aus Washington die drei Delfine Khona, Sheila und Bubble, nimmt vorsichtig ersten Kontakt zu den drei Bottlenose-Weibchen auf. Eine Trillerpfeife um den Hals, beobachtet Trainerin Whitney Axley die Reaktion der Tiere.

Auf ihr Handzeichen drehen sich die Meeressäuger, zeigen die Geschlechtsorgane auf dem Bauch, dann ihr „blow hole“ auf dem Kopf und legen ihre lange Flaschennase in die Hand der Gäste. Wer möchte, darf Flipper jetzt ein Küßchen auf die Nase drücken – zur Begrüßung.

Auch im  „Theater of the Sea“, 1946 als erster Meerespark der USA auf den Florida Keys gegründet, gehört das Schwimmen und Schmusen mit Flipper zu den gefragtesten Veranstaltungen im Angebot. In den Ferienmonaten sind die Termine zum „Delfinschwimmen“ in fast allen Freizeitparks lange im voraus ausgebucht – trotz der recht hohen Preise von 125 bis 369 US-Dollar.

Während die Trainerin die Tiere mit Futter, Spielzeug oder Streicheleinheiten belohnt, verteilt sich die Gruppe in der Lagune. Der große Moment ist gekommen. Doch: Wer jetzt glaubt, er könnte frei nach Belieben mit den Tieren schwimmen, wird enttäuscht. Vorgesehen sind feste Formen, einstudiert und x-mal täglich erfolgreich präsentiert.

Zur Auswahl stehen Tanzdrehungen, bei denen die drei Delfine simultan mittanzen, oder Sprüngen über eine Stange. Myrtle entscheidet sich für den „foot push“. Getragen von der Schwimmweste, legt sie sich rücklings auf das Wasser und stellt ihre Füße angewinkelt nebeneinander. Zwei Delfine setzen ihre Nasen dagegen und schieben die junge Frau eine große Runde durch das Becken.

Nach diesen „Kunststücken“ endet die halbstündige Wasser-Session mit einem Abschiedsrunde zu zweit. Mensch und Meeressäuger schwimmen zusammen in der Salzlagune; der Mensch mit Flossen, Maske, Schnorchel, das Tier dicht an seiner Seite. Mal gleitet es dicht neben ihm durch die Fluten, verschwindet unerwartet, taucht unter ihm hindurch und schwimmt an der anderen Seite weiter. Seit 1987 hat das Theater of the Sea diese Show im Programm – mit dem offiziellen Anspruch, durch eine derartige Aufklärung der Menschen letztendlich Leben und Überleben der Meeressäuger zu schützen. Nach Ansicht des Managements „genießen die Tiere die Interaktion mit dem Menschen“.

Stimmt nicht, kontert die Gesellschaft zur Rettung der Delphine (GRD), 1991 vom dreifachen Weltumsegler und Dokumentarfilmer Rollo Gebhard gegründet. Ausdrücklich warnt sie auf ihrer Website vor dem Besuch von Delfinschwimm- oder Streichelprogrammen: „Diese besonders in den USA sehr beliebten Urlaubsprogramme enden für die Tiere oft tödlich.“ Nach einer Schätzung der US-Meeresfischereibehörde sind allein in vier US-amerikanischen SeaWorld-Parks seit ihrem Bestehen mindestens 125 Delphine gestorben. 326 Bottlenose-Delfine leben in den USA in Gefangenschaft, die meisten davon im Sonnenstaat Florida.

Bis zu 1.000 Besucher strömen täglich in den Anheuser-Busch-Abenteuerpark „Discovery Cove“ bei Orlando, um mit Delfinen zu schwimmen. Bei diesem Andrang ist weder eine artgerechte Haltung noch Aufsicht über die Interaktion von Mensch und Tier möglich. Bedrängt vom Publikum, eingepfercht in viel zu kleine Becken, deren Design die Illusion einer artgerechten Umgebung wecken soll, werden die freundlichen Flipper aggressiv. Bei ihren Attacken werden die Besucher immer wieder verletzt, teilweise schwer.

Auch bei Dolphin-Wade-In oder Petting-Pool-Programmen stehen die Delfine unter Dauerstress, rammen oder beißen die Besucher. Bereits 1993 verzichtete der Gulf-World-Park von Panama City Beach, Florida, nach mehreren Unfällen auf öffentliche Delfinfütterungen. Sieben weitere Parks schlossen ihre Petting-Pools, in denen Besucher Delfine füttern konnten.

„Flipper ist unser bester Freund, lustig wird‘s immer, wenn er erscheint, Spaß will er machen, kennt alle Tricks, er bringt uns Stunden des Glücks,“ schwärmte der Titelsong der TV-Serie. In Flipper’s Sea School, in den 1950er-Jahren Ausbildungsort des Filmstars, residiert heute das Dolphin Research Center. Das DRC vereint kommerzielle Freizeitangebote wie Delfinschwimmen, therapeutische Ansätze und wissenschaftliche Forschung unter einem Dach.

Zudem dient das Zentrum auf Grassy Key als „Kurhotel“ für erholungsbedürftige Tiere aus Tiershows, Tierparks und Aquarien. Sie können den Zaun, der sie vor dem Bootsverkehr schützt, verlassen und freiwillig dahinter zurückkehren. Leiterin Dona Carnegie betreut derzeit 15 Delfine und drei kalifornische Seelöwen. Ihre Steckbriefe, kindgerecht abgefasst, sind im Shop am Eingang zu sehen, verbunden mit der Bitte um eine kleine Spende. Ohne die Hilfe der Besucher kann das Center nicht überleben – allein die jährlichen Futterkosten für die Tiere betragen 125.000 US-Dollar.

Doch auch hier werden die Stereotypen, die nicht nur die Fernsehserien „Flipper“ in den Köpfen verankert hat, weiter gepflegt. Intelligent, verspielt, stets gut aufgelegt und herzensgut, rettet der beste Freund des Menschen Schiffbrüchige, bewahrt ihn vor Hai-Attacken – oder hilft bei seiner Heilung. Davon ist Kirsten Kuhnert überzeugt. Bei ihrem Sohn Tim, seit 1994 durch einen Unfall im Schwimmbad behindert, durchbrach die Delfintherapie von Dr. David E. Nathanson in Key Largo erstmals die Mauer, die den Jungen seit dem Unfall umgab.

1996 gründete die einstige Chef-Stewardess daher den Verein „dolphin aid“. Sein Ziel: möglichst vielen Kindern eine „Dolphin Human Therapy“ in Key Largo zu ermöglichen. Bei dieser Vollzeit-Therapie werden physisch oder psychisch behinderte Menschen mit zerebraler Lähmung, Down Syndrom und Autismus behandelt. Die Kosten: rund 13.000 Mark für 14 Tage.

Die Funktion der tierischen Therapeuten – sei es das  heilpädagogische Reitpferd oder das heimische Haustier –  ist stets identisch: Ausgestattet mit feinsten Sensoren, brechen sie mentale Barrieren. Ob die Echo-Ortung der Delfine dabei einen besonders heilende Einfluss hat, Hirnströme, Nervenimpulse oder Blutbild positiv beeinflusst, wird derzeit weltweit von Wissenschaftlern untersucht. Ihr erstes Ergebnis: Der Ultraschall der Delfine synchronisiert die Hirnströme des Menschen – ein ungewöhnlicher neurologischer Zustand.

Info: Schwimmen mit Delfinen – eine Auswahl

Dolfinarium Harderwijk

Strandboulevard Oost 1, NL – 3841 AB Harderwijk, Tel.: +31 341/ 46 74 67, Fax: +31 341/ 42 58 88, E-Mail: info@dolfinarium.nl,  www.dolfinarium.nl

Dennis Schmitt

Langgasse 59, 88662 Überlingen, Tel.: 07551-308602, www.delfinschule.de

Delfin-Camps in Schottland und auf den Azoren.

Dolphin Reef

Southern Beach, Eilat, Israel, Tel.: +972 /630 01 00, http://dolphinreef.co.il

Schwimmen mit Delfinen in einem Freibecken

Theater of the Sea

84721 Overseas Highway, Islamorada, FL 33036, Tel.: +1 305 /  664 24 31, Fax: +1 305 / 664 81 62, Web:

www.theaterofthesea.com

Dolphin Encounter

Hawk’s Cay Resort, 61, Hawks Cay Boulevard, Duck Key, FL 33050-3756, Tel.: +1 305 / 743 70 00

Diese Beitrag wurde 2001 durch den gms-Themendienst (dpa) und in zahlreichen Medien veröffentlicht, darunter im Hamburger Abendblatt und auf Spiegel Online.

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