1991DeutschlandMecklenburg-Vorpommern

Caspar David Friedrich & Eldena

Kaum ein Fleckchen Erde ist in Greifswald so berühmt wie die Ruinen des Klosters von Eldena. Warum der Sohn der Hansestadt, Caspar David Friedrich, der Klosterruine Eldena so viel Aufmerksamkeit schenkte und sie in ihrer neuen Varianten malte, kann man heute nur vermuten.

Doch bei einem Spaziergang durch die ehrwürdigen Ruinen und im dazugehörigen Park kann man so grandios unterschiedliche Stimmungen einfangen, dass jeder Besuch zu einem einmaligen Erlebnis wird.

Nur zwanzig Jahre hat Caspar David Friedrich im heimatlichen Greifswald verbracht. 1774 als Sohn eines Seifensieders und Lichtgießers geboren, geht der wohl berühmteste Maler der Romantik 1794 für vier Jahre zum Studium an die Kunstakademie in Kopenhagen. Friedrich kann dem Lehrbetrieb wenig abgewinnen.

1798 zieht er nach Dresden, wo er sich für immer niederlässt. Aber auch in Sachsen bleibt die norddeutsche Landschaft seine Welt. Sieben Besuche führen ihn 1801 bis 1826 zurück in die Heimat. Sechsmal durchwandert der Romantiker Rügen, erlebt die nebeligen Wiesen und Eichen bei ausgedehnten Spaziergängen, beobachtet die Fischerboote und stolzen Segler am Greifswalder Hafen. Und immer wieder zieht es den Maler hinaus nach Eldena.

Mit Pinsel und Bleistift erlebt Friedrich die Ruine, kommt tags und nachts hierher, um in stiller Andacht etwas vom göttlichen Zusammenhalt aller Dinge zu erfahren. Die Erkenntnis aus sinnlicher Einsicht, aus Emotion und Empfindung hält er auf Papier fest – die Zeichnungen von 1808, 1820 und 1815 entstehen. Friedrich geht es dabei nicht um ein möglich genaues, tatsächliches Abbild der Ruine.

Die verfallene Klosteranlage wird transzendiert zur Metapher der Vergänglichkeit. Kontraste bestimmen die Komposition: Ob bei Tag und Nacht, zu verschiedenen Jahreszeiten oder aus verschiedenen Richtungen dargestellt, immer wieder thematisiert Friedrich mit Kloster Eldena das Verhältnis von Mensch und Natur, von Vergangenheit und Zukunft vor einem göttlichen Dritten.

„Heilig sollst du halten jede reine Empfindung deines Gemütes; heilig achten jede fromme Ahnung; denn sie ist Kunst in uns! In begeisternder Stunde wird sie zur anschaulichen Form; und diese Form ist dein Bild!“ erläutert Friedrich sein künstlerisches Selbstverständnis.

Die Ruine als Auslöser und Vehikel für Erlebnisse und Bedeutungen wird dazu in den jeweils gewünschten Bezug gesetzt. 1825 umgibt Friedrich den eigentlich freistehenden Bau mit Bäumen. Die subjektive Erfahrung mündet in die symbolische Aussage: Das menschliche Werk geht wieder in die Natur ein.

1934 versetzt Caspar David Friedrich die Klosterruine Eldena in das Riesengebirge. Das Bild, zu sehen im Greifswalder Museum, verbindet die geographischen Eckpunkte von Friedrichs Erfahrung. Erneut ist Eldena bildliche Metapher.

Die Kontraste von niederdeutschem Bauernhaus und mittelalterlicher Klosterruine, von blühenden und toten Pflanzen und leuchtend-dämmrigem Abendlicht sind subjektive Signale des Künstlers. „So ist es doch ein großes Verdienst, und vielleicht das größte eines Künstlers, geistig anzuregen und in dem Beschauer Gedanken, Gefühle und Empfindungen zu wecken“, formulierte Friedrich.

Im Winter ist das Architekturerbe von Eldena besser zu erkennen als im Sommer, wenn Bäume die Anlage verzaubern – aber auch viel verdecken. Foto: Hilke Maunder

Geprägt von tiefer Religiosität, hoffte Friedrich, aus der Abschauung der Natur Erkenntnis in den Sinn des menschlichen Daseins und Einsicht in göttliche Zusammenhang alles Seienden zu gewinnen. Die romantische Sehnsucht des Malers, der damit den Nerv der damaligen Zeit traf, bewahrte die Klosterruine im Osten der Stadt vor dem endgültigen Verfall.

1199 hatten dänische Mönche aus dem zerstörten Zisterzienserkloster Dargun nahe der Ryckmündung das Kloster Hilda gegründet. Der heutige Name Eldena wurde erst im 14. Jahrhundert gebraucht. Die Mönche, unterteilt in Ordens- und Laienbrüder, erwarben kurz nach ihrer Ankunft Anteile an den nahen Salzquellen.

Mit Geschick sicherten sie sich das Monopol für den Verkauf des „weißen Goldes“ des Mittelalters. Ihren einträglichen Gewinn investierten sie in Grund und Boden. Bald verfügten die Mönche Über umfangreichen Grundbesitz rund das Kloster. 1209 erhielten die Klosterbrüder das Recht, dänische, deutsche und slawische Siedler anzuwerben.

Die Laienbrüder, im Kloster überwiegend für die Landwirtschaft zuständig, begannen mit der Rodung der Wälder. Auf den freien Flächen legten sie Dörfer an, die noch heute an ihrem mit -hagen endenden Namen zu erkennen sind.

Vor der Endung steht meist der Name des Bruders, der im Auftrag des Klosters die Ansiedlung der Bauern leitete ­– beispielsweise bei Hanshagen, Hermannshagen und Petershagen. Als Entgelt für die Tätigkeit erhielt der Mönch die doppelte Menge an Land, das sonst jedem Neusiedler und Bauern zugewiesen wurde.

Aus der Schicht der Land besitzenden Klostermönchen entwickelte sich später der niedere Landadel. Das Kloster, dem durch seinen fürstlichen Gründer und durch spätere Schenkungen und Käufe ein ausgedehntes Areal zur Verfügung stand, legte auf diese Weise eine stattliche Reihe von Dörfern an.

Die Abgaben der neuen Dörfer wiederum sicherten das Auskommen und den Ausbau des Klosters. Eines dieser Klostergründungen war auch Greifswald. 1241 wurde die Siedlung als „Gripeswold“ erstmals erwähnt, 1248 zum Marktflecken erhoben.

Die günstige Lage am Fluss und der nahen Ostsee ließ Greifswald rasch wachsen. Die aufstrebende Siedlung konnte vom Kloster nicht mehr gehalten werden. Am 14. Mai 1250 verlieh der mächtigere Herzog von Pommern dem Ort Lübische Stadtrechte.

Bis heute indes soll ein unterirdischer Gang die Hansestadt mit der vier Kilometer entfernten Klosterruine verbinden. Über die ersten Bauten, die zum Kloster gehörten, ist heute kaum noch etwas zu erfahren. Mitte des 13. Jahrhundert jedoch muss der Chor, so die alten Chroniken, bereits vollendet gewesen sein.

Um 1300 erfolgte der Bau des Ostflügels, danach begannen die Arbeiten am Südflügel. Der Westteil der Kirche wurde erst im 15. Jahrhundert vollendet. Der hohe gotische Durchgang an der Westfassade verfälscht heute den Eindruck vom einstigen Bau: Ursprünglich lag hier in drei Meter Höhe nur ein Fenster.

Die Innenausstattung des Klosters muss sehr karg und schlicht gewesen sein – den Zisterziensern war jeder Prunk verboten. Selbst einen Kirchturm durften sie nicht bauen. So krönte nur ein kleiner Dachreiter die Vierung von Lang- und Querschiff.

Ein Jahr nach Einzug der Reformation in Pommern wurde Kloster Eldena 1535 aufgelöst, die geistlichen Herren durch weltliche Herrscher verdrängt: Der Konvent wandelte sich zum Quartier der pommerschen Herzöge.

Die Wirtschaftsgebäude wurden herzoglicher Gutshof, die Ländereien vom Gut bewirtschaftet. Ohne Nachfolger auf dem Herrscherstuhl, schenkte 1634 der letzte pommersche Herzog seinen Besitz der Universität. Im Dreißigjährigen Krieg wurde Eldena 1637 durch schwedische Truppen geplündert.

Während 1672 noch Predigten in der Klosterkirche abgehalten wurden, begannen schwedische Soldaten, Teile des Klosters abzubrechen – aus Klostersteine wurden Kasernen gebaut. Sogar die Universität beteiligte sich an der Kulturzerstörung und nutzte die Klosteranlage als Steinbruch. Für viele Greifswalder Bauherren wurde Eldena zum Selbstbedienungsladen.

Erst 1828, unter Einfluss der romantischen Weltanschauung und der Gemälde von Caspar David Friedrich, wurden die letzten Reste der Ruine unter Denkmalschutz gestellt. Lockere Steine wurden gesichert, manche noch erkennbaren Mauer und Wände wieder aufgebaut.

Dennoch wirkt Eldena, heute eingebettet in eine gepflegte Grünanlage, überraschend klein. Die romantischen Gemälde von Caspar David Friedrich lassen durch ihre Ausdruckskraft die Ruine über ihre eigentliche Größe hinauswachsen.

Erst beim abendlichen Konzert in der Freilichtbühne, 1968 zur Ostseewoche im Ostflügel erbaut, verschmelzen im Fackelschein Wirklichkeit und Vision von Eldena zu einem Bild, das auch von Caspar David Friedrich hätte stammen können.

Dieser Beitrag ist 1991 in „1000 Ausflugsziele in Mecklenburg-Vorpommern“ erschienen. 

Klosterruine Eldena: Baumschmuck in Backstein. Foto: Hilke Maunder

 

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