1991DeutschlandMecklenburg-Vorpommern

Landpartie: Idylle am Peenestrom

Hier ist die Welt noch in Ordnung: Zwischen Lassan und Kröslin liegt eine Landschaft, die aus alten Kindertagen stammt. Holprige Kopfsteinstraßen und sandige Sommerwege. Birkenalleen, Schafherden, Ochsen, die Holzkarren ziehen. Blühende Gärten, gemütliche Gassen, und immer wieder ein blinkendes Blau: der Peenestrom.

In Lassan, nur 15 Kilometer nordöstlich vom betriebsamen Anklam entfernt, sind nachts die Straßen menschenleer. Sonntags schiebt der Vater den Kinderwagen, die Mädchen spielen Gummitwist, die Jungen mit dem Gameboy.  Die Straße nach Wolgast streift Dörfer, Wälder, bei Wehrdorf ein Herrenhaus abseits des Weges.

Historisches Herz des welligen Lande am Unterlauf des Peenstromes ist Wolgast. Zwölf Meter hoch über dem westlichen Mündungsarm der Oder erhob sich hier schon 630 nach Christus auf einer der Stadt vorgelagerten Insel eine slawische Burg. 1123 besetzte Herzog Wratislaw I. von Pommern den damals Hologast genannten Ort.

Bischof Otto von Bamberg bekehrte 1128 die slawische Bevölkerung zum Christentum. Auf den Ruinen des zerstörten Gerovit-Tempels wurde die St. Petri-Kirche errichtet. An den alten heidnischen Tempel erinnert in der schlichten Backsteinbasilika heute nur noch der Gerovit-Stein aus dem 12. Jahrhundert. 1257 in den Rang einer deutschen Stadt erhoben, folgte 1282 das lübische Stadtrecht.

Die Teilung Pommerns in die Herzogtümer Pommern-Stettin und Pommern-Wolgast machte die einstige Hansestadt für fast 400 Jahre zur Residenz. Von den prunkvollen Schlossbauten ist nichts mehr erhalten: Im Nordischen Krieg ließ Zar Peter I. 1713 die Stadt von russischen Soldaten völlig niederbrennen – als Vergeltung für die Zerstörung Altonas durch die schwedischen Truppen zwei Jahre zuvor.

Nur die Petrikirche mit ihrem 1700/1702 fertiggestellten Totentanzzyklus nach Holzschnitten von Holbein und die zwölfeckige Gertrudenkapelle aus dem 14. Jahrhundert mit einem wunderschönen Sterngewölbe überlebten die Feuersbrunst. Auf den Ruinen der mittelalterlichen Stadt entstand ab 1717 die heutige Stadt. Das schlichte Rathaus mit seiner weißgekalkten Fassade ist ihnen besonders schön gelungen.

Nur wenige Schritte von hier, in der Kronwieker Straße 45, wurde 1777 Philipp Otto Runge geboren. Der Reedersohn zog der Kaufmannschaft die Kunst vor. „Ich will mein Leben in einer Reihe von Kunstwerken darstellen: Wenn die Sonne sinkt, und wenn der Mond die Wolken vergoldet, will ich die fliehenden Geister festhalten“, schrieb der Romantiker.

Als Runge 1810 in Hamburg stirbt, geht auch Wolgasts Blütezeit zu Ende. Wenngleich 1685 noch 65 Segelschiffe in Wolgast beheimatet waren, so hatten doch die Mitte des 18. Jahrhunderts neugegründeten Häfen von Swinemünde und Stettin der Stadt längst den Rang abgelaufen.

Das Rathaus von Wolgast. Foto: Hilke Maunder

Der Anschluss an die Eisenbahn 1863 brachte die Industrie. 1881 entstand ein Holzwerk, 1886 ein Dampfgranitwerk, das bis 1924 Granitsäulen für Denkmäler sogar bis nach Chicago und Shanghai lieferte. Die Eisengießerei von 1888, später zum Gussstahl – und Panzerwerk umgebaut, wurde 1945 demontiert.

Auf dem Gelände der ehemaligen Pferdefutterfabrik wurde im Juni 1948 die Peenewerft angelegt, bei der bis zur Wende 65 Prozent aller Bürger im Kreis Kümos und Containerschiffe fertigten. Ein bauliches Unikum ist die schwarz-weiße „Kaffeemühle“, eines der ältesten Gebäude der Stadt.

Im Fachwerkspeicher mit dem eigenartig geformten Dach erinnert ein Aufzugsrad an die alte Nutzung. Heute informiert hier das Kreismuseum über die Wolgaster Geschichte vom 7. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Besonders interessant: der Peenemünder Goldschatz aus dem 10. Jahrhundert.

Flussaufwärts, vor den Toren der Stadt, könnte Runge seine Studie „Landschaft an der Peene“ gezeichnet haben. Hinter Kröslin, einem Fischereihafen mit einer schönen Kirche aus dem 15. Jahrhundert, liegt Freest. Heute ein Ortsteil von Köslin, machten Wollteppiche das alte Fischerdorf einst berühmt.

Die schönsten Fischerteppiche zeigt die Heimatstube: handgeknüpft, verziert mit maritimen Motiven – Schiffen, Anker, Fischen oder Möwen. Wie mühselig und langwierig die Arbeit war, verraten die Knüpfstühle.

Dieser Beitrag ist  1991  in „1000 Ausflugsziele in Mecklenburg-Vorpommern“ erschienen. 

Fachwerk und Zwiebeln. Foto: Hilke Maunder

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