1991DeutschlandMecklenburg-Vorpommern

Der Holzschuhmacher von Bandenitz

Nur wenige Meter von der Autobahnabfahrt Schwerin künden lange Holzstämme im Vorgarten und ein großes Schild mit Holzpantoffeln: Hier arbeitet Dieter Schöttler, einer der letzten Holzschuhmacher von Mecklenburg.

Seit 1956 fertigt der 63-Jährige täglich zehn bis zwölf Holzpantinen – entweder als zierliche „Fußgymnastik-Pantalette oder als zünftige „Klocks“.

Die großen Holzstämme, von der Forstwirtschaft oder privat angeliefert, werden dazu zunächst mit einer Motorsäge in 30 Zentimeter lange Keile unterteilt. „Meistens verarbeitete ich Pappelholz“. Aber auch andere Weichhölzer wie Weide, Linde oder Erle dürfen verwendet werden.

Während für die „Klapperlatschen“ das Holz zunächst getrocknet werden muss, kann an den Klocks sogleich weitergearbeitet werden. Um den Fräser zu entlasten, schneidet Schöttler zunächst die Ecken fort und arbeitet den Hacken grob vor. Dann werden Modell und Grobform mit zwei Stiften an den Sohlen aufeinander gesetzt und in die Doppelfräse gespannt.

Besonders stolz ist der Holzschuhmacher von Bandenitz auf seine halbautomatische Kopierfräse, die er 1964 von einem Meister aus dem Erzgebirge erstand. „Die Maschine war noch nie kaputt – nur ein Keilriemen als Verschleißteil musste einmal ausgewechselt werden.“ Spricht‘s und lässt mit fachmännischem Handgriff den Schuh aus der Maschine, die in einem Arbeitsgang gleich zwei Schuhe auf Passform fräsen kann.

Nur wenige Schritte weiter, direkt am Fenster mit Blick zur Straße, steht der Schleifbock. Auch ihn überzieht eine dünne Schicht von Holzstaub und Späne. Damit später die Sohle besser hält, wird hier die Unterseite des Schuhs mit einem eigens dafür entwickelten Werkzeug aufgeraut.

Dann streicht Dieter Schöttler den Kunstharzkleber auf, drückt die Holz- oder Porosohle kurz dagegen und legt den Holzschuh in die Presse. „Ein kräftiger Druck genügt.“

Holzschuhmacher Dieter Schöttler. Foto: Hilke Maunder

Jetzt beginnen die Feinarbeiten. Der Holzschuh wird erst grob vor-, dann fein nachgeschliffen. „Bei diesem Seidenglanz reißt sich keine Frau die Perlonstrümpfe auf.“ Die Seiten werden zweifach lackiert, zunächst mit Balmatine – „die zieht gleich ins Holz ein“ – , dann mit Glanzlack.

Um das Gehen zu erleichtern, werden Hacken und Spitze von unten „gewippt“, leicht nach oben gebogen. Das Oberteil der Klocks besteht aus dunklen Ledergamaschen. Die Holzpantaletten erhalten schmale Riemchen, handgefertigt aus Rindbox oder Boxcalf.

Dieter Schöttler:“So bin ich von keinem Zulieferer abhängig.“ Die Lederhaut, meist braun oder schwarz, wird dazu auf das Futter geklebt, ausgestanzt, mit Löchern und Schnalle versehen und mit Ziernägeln auf den Holzschuh genagelt. Vor der Wende waren Schöttlers Holzschuhe begehrte „Bückware“, eine heißbegehrte Rarität in der ehemaligen DDR.

„Schon zu Weihnachten, wenn ich Schwerin belieferte, kauften die Leute meine Schuhe für den Sommer.“ Während der warmen Tage reiste Schöttler, begleitet von seiner Frau Inge, an die Ostseeküste. Ob in Warnemünde und Kühlungsborn, Urlauber wie Einheimische rissen sich um Schöttlers Holzschuhe.

Holzschuhmacher Dieter Schöttler. Foto: Hilke Maunder

Waren damals die Fußgymnastik-Pantaletten Verkaufsrenner, so sind heute besonders die Klocks gefragt. Kein Wunder bei den Preisen.

Angesichts der enorm gestiegenen Materialkosten will – „muss“, wirft Schöttler ein – neu kalkulieren, sobald das Holzlager aufgebraucht ist. „Die Kosten haben sich verdreifacht – für einen Quadratmeter Leder muss ich heute 75 Mark bezahlen.“

Schöttler liebt sein Handwerk. Ob die Werkstatt, die er am 1. Juli 1973 von seinem Schwiegervater übernahm, noch Zukunft hat, wagt er nicht zu sagen. Mit einem Schmunzel erzählt der Holzschuhmacher: „Meine Hoffnung ist meine Tochter – sie muss eben den richtigen Schwiegersohn finden.“

Dieser Beitrag ist 1991 erst in den „Mecklenburger Nachrichten“, dann  leicht verändert in „1000 Ausflugsziele in Mecklenburg-Vorpommern“ erschienen. 

Holzschuhmacher Dieter Schöttler. Foto: Hilke Maunder

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