2004AmerikaUSA

Der stille Charme der San Juan Islands

Noch hüllt er sich in Nebel: Mount Constitution, mit rund 800 Metern der höchste Berg von Orcas Island. Und doch streben die Wanderer behänden Schrittes auf einen Turm zu, den Ellsworth Storey nach dem Vorbild kaukasischer Wachtürme errichten ließ: trutzig aus großen grauen Felsquadern. Durch Schießscharten fällt fahles Licht; die Holzstiegen knarren beim Hinaufsteigen. Auf der kleinen Aussichtsplattform ist jeder Platz besetzt.

In wenigen Minuten wird die Sonne aufgehen. Erst dringen nur wenige Strahlen durch den Dunst, dann zerreißt die Sonne den Wolkenvorhang und präsentiert ein 360 Grad-Panorama der Superlative. In der Ferne: Vancouver Island und Victoria gen Norden, Mount Rainier und die Bergkette der Cascade Mountains im Osten, im Süden die schneebedeckten Gipfel des Olympic National Parks. Davor: ein Teppich aus Blau, übersät mit unzähligen Inseln.

Mehr als 700 Eilande gehören zum San-Juan-Archipel im Nordwesten des US-Bundesstaates Washington. 172 davon bilden die San Juan Islands. 60 von ihnen sind bewohnt, doch nur die vier Hauptinseln werden von den Washington State Ferries angelaufen: Lopez, Shaw, Orcas und San Juan.

Ablegen zu den San Juan Islands

Um 12 Uhr erschüttert das Nebelhorn der M/V Kennicott die mittägliche Stille im Hafen von Anacortes. Möwen stürzen sich in die Strudel der Schraube, als die Autofähre ablegt. Bald sind die riesigen Trawler, die vor Alaska fischen, nur noch spielzeuggroß, die weißen Holzhäuser der kleinen Hafenstadt helle Punkte am Horizont.

Nach 45 Minuten ist Shaw Island erreicht. Die kleinste der vier Hauptinsel ist eine katholische Enklave. Seit 1976 fertigen Franziskanerinnen in braunem Kleid und weißem Kopftuch die Fähren ab und führen den einzigen Laden der Insel. Der Little Portion General Store ist Treffpunkt der 200 Einwohner, zu denen auch die Sisters of Mercy und die Benediktinerinnen von Our Lady of the Rock gehören. Als die Fähre ablegt, hebt die Nonne die Hand und erteilt einen Segen.

Orcas Island, die größte und hügeligste der San Juan Islands, gleich einem ausgefransten Hufeisen. Sanft gewellte Täler, Weiden und Wiesen prägen den Westen; die Wildnis des Moran State Park den Osten. Am schmalen Scheitel im Norden liegt East Sound. Hier erzählt das Orcas Island Historical Museum in sechs verwitterten Blockhütten vom Leben auf der Insel, als Obstanbau und Forstwirtschaft den Alltag prägten.

Der Zeit entrückt: Eastsound

Wo die Happy Hour neun Stunden dauert…

Eastsound ist charmant übersichtlich. „Downtown“ besteht aus zwei, drei Straßen, gesäumt mit hell gestrichenen Holzhäuser, die Läden und Lokale beherbergen: Thai, Meeresfrüchte, Mexikanisch und billige Burger. Da lohnt sich es sich, das Dinner im Mansion Restaurant des Rosario Resort & Spa zu reservieren. Das kleine Restaurant mit dem großen Blick über die Cascade Bay hat sich erlesener Regionalküche verschrieben.

Je nach Saison serviert Chefkoch Raymond Southern Biogemüse mit Blaukäse, Haselnüssen und Pinot-Noir-Vinaigrette; gedünstete Jakobsmuscheln mit gegrilltem Spargel und Limonendressing; gefolgt von Entenbrust, Heilbutt und einer Crème Brûlée mit schwarzem Tee und Vanille-Aprikosen. Mehr als 200 Positionen stehen auf der Weinkarte.  Und unzählige Cocktails auf der Barliste der Moran Lounge im einstigen Wohnzimmer von Moran, wo bis heute das Feuer im Kamin prasselt. Und die Happy Hour freitags bis sonntags bereits mittags um zwölf beginnt – und erst um 21 Uhr endet.

Malerisch gelegen: das Rosario Resort & Spa

Morans Gesundbrunnen

Beide Restaurants befinden sich im historischen Herrenhaus, das Robert Moran 1909 für sich erbaute. Mit 46 Jahren psychisch und physisch am Ende, wollte der damals größte Schiffsbauer des Nordwestens und zweifacher Bürgermeister von Seattle seine letzten Lebensjahre inmitten unberührter Natur verbringen. Doch es kam anders. Entgegen der Vorhersagen seiner Ärzte gesundete Moran in der neuen Umgebung – und verkaufte sein 2800 Hektar große Anwesen. 2000 Hektar erwarb der Staat Washington und schuf damit den Moran State Park. 800 Hektar bilden seit 1960 das Rosario Resort.

Direkt südlich des Luxushotels beginnt dessen ursprüngliche Wildnis mit drei kleinen Seen, die sich auf 50 Kilometern markierter Wanderwege entdecken lässt. Die Auswahl reicht vom vier Kilometer langen, ebenen Rundgang um Cascade Lake bis zum anstrengenden Aufstieg zum Mount Constitution: Auf acht Kilometern überwindet der Trail 700 Höhenmeter. Das Schutzgebiet Mount Pickett Natural Area Preservedarf nur zu Studienzwecken betreten werden.

Radpause im Moran State Park

Töpfernde Lebenskünstler

Vor dem weiß gestrichenen General Store in Olga flattern die Stars & Stripes im Wind. Das rechte Schaufenster zeigt Antiquitäten, im linken Fenster stapeln sich alte Puppen. Eine Zapfsäule, ein klappriger Stuhl und rings herum Skulpturen aus Schrott – Orcas Island lockt Lebenskünstler. Leo Lambiel hortet ihre Werke. Sein Haus am Eastsound beherbergt die größte Sammlung lokaler Künstler. Besonders Töpfer haben sich auf der Insel niedergelassen. Bereits 1945 gründete Joe und Marclay Sherman ihre Orcas Island Pottery, heute die älteste arbeitende Töpferwerkstatt im Nordwesten der USA. Der große Garten, fantasievoll mit Tieren und Tassen, Schalen und Schüsseln aus Ton dekoriert, endet an einem Steilufer. Tief unten blinkt blau das Meer zwischen den hohen Tannen. Weit schweift der Blick von Insel zu Insel im President’s Channel.

Größter Konkurrent ist die 1959 gegründete Crow Valley Pottery & Gallery, heute Forum für mehr als 70 Künstler und Kunsthandwerkern des Nordwesten und der „artists-in-residence“, die auf dem Gelände leben. Auch hier ist der Garten erweitere Galerie, drehen sich geflügelte fette Damen, Globen und andere verspielte Gartenkunst im Seewind.
Nur wenige Meter weiter liegt der einzige Green der Insel, der Orcas Island Golf Course. Obstgärten und Maisfelder säumen die Crow Valley Road. Wahrzeichen des fruchtbaren Tals ist die Red Apple Barn, eine leuchtend rote Scheune mit weiß abgesetzten Fenstern und Türen. Die alte Crow Valley Schule von 1888 ist heute Museum.

Eine Farm im Crow Valley

Lilme Kiln – 1. Whale Watching Park der USA

In Deer Harbor im äußersten Südwesten von Orcas liegen Seekajaks auf dem Kieselstrand. Vor jedem Törn übt Dan mit seiner kleinen Gruppe, wie das Paddel richtig geführt wird, zeigt die Eskimorolle und erklärt die Besonderheit des Biotops. Delfine, Robben, Seeotter und Schildkröten tummeln sich in den kalten Fluten; von Mai bis September haben Schwertwale hier ihre Heimat. Zudem zählt die Küste zu den besten Orten weltweit, um schwarz-weiße Orcas zu sichten.

Auf San Juan Island wurde daher mit Lime Kiln der erste offizielle Whale Whatching Park der USA eröffnet. Jedes Jahr steigen bis zu 100.000 Besucher in die Ausflugsboote und spülen zehn Millionen US-Dollar in die Kassen. Trockenen Fußes lassen sich die Giganten der Meere am besten im Lime Kiln Park im Westen von San Juan beobachten, wo sie in kleinen Gruppen vorbei ziehen.

Hintergrund zum Leben der Wale – vom Skelett bis zum Gesang – liefert das Walmuseum von Friday Harbor. Nachhilfe im Umgang mit den Tiere bietet das „Soundwatch Boater Education Program“. Freizeitskipper lernen hier, wie sie die Lebensumwelt der Wal am wenigsten stören. Kommerzielle Kapitäne werden kontrolliert – und notfalls mit „report cards“ abgemahnt.

Unterwegs im Inselreich der San Juan Islands

Diese Beitrag wurde 2004 vom gms-Themendienst (dpa) verbreitet und von unzähligen deutschsprachigen Tageszeitungen sowie Spiegel Online veröffentlicht. 

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