Sechs Kisten Kerner im Gepäck

Von Weinseligkeit keine Spur: Schiller, Schott und Zeiss prägen das moderne Jena. Industrie und Universität bestimmen den Lebensrhythmus. Nur die Weintraube im Stadtwappen erinnert noch daran, daß Jena einst ein blühendes Weinbauerndorf an der Saale war. Um 880/980 erstmals im Hersfelder Zinsregister genannt, wurde der Weinbau bei Zwätzen 1182 erstmals urkundlich erwähnt. Als Jena 1230 das Stadtrecht erhielt, hatte es sich durch die günstige Lage an einer Furt über die Saale bereits zum Zentrum des Weinbaus entwickelt.

Meine Reiseroute folgt dem Flusslauf der Saale. Kaum liegen die monotonen Wohnghettos und Baustellen von Jena hinter mir, öffnet sich bei Kunitz eine anmutigen Auenlandschaft mit weiten, blühenden Wiesen und fruchtbaren Äckern. Auf der Höhe des Hufeisendorfes stand früher die Burg der Herren von Gleisberg, 1181 erstmals erwähnt. Im Jahr 1451 nahm Herzog Wilhelm von Sachsen die Burg ein und zerstörte sie. Unterhalb schlängelt sich sanft die Saale. Erlen und Eschen, Saalweiden und Pappeln säumen ihr Ufer.

Burgen & Puppen

Bei Dornburg überquere ich den Fluss und bin für Momente trunken von dem Blick, der sich nach der letzten Kurve bietet: 90 Meter hoch über der Saale grüßen von einem imposanten Kalksteinfelsen die drei Dornburger Schlösser herüber. Terrassierte Weinhänge und herbstlich-bunte Buchenwälder umgeben das stimmungsvollen Trio von Mittelalter, Renaissance und Barock. Das kostbarste unter ihnen ist das alte Schloss, 936 unter Otto I. sogar Kaiserpfalz.

Bauherr des Rokokoschlosses war Herzog Ernst August, ab 1728 regierender Fürst von Sachsen-Weimar. Als wohl berühmtester Schlossbewohner weilte Goethe des öfteren hier, zuletzt 1828 – und damit Grund genug für Goethe-Gedenkstätten im Renaissance- und Rokokoschloss. Bei einem Spaziergang durch die Schlossgärten kann ich die Tagebuchnotizen des Geheimen Rates nur allzu gut verstehen: „Die Aussicht ist herrlich und fröhlich, die Blumen blühen in den wohlunterhaltenen Gärten, die Traubengeländer sind reichlich behangen, und unter meinem Fenster sehe ich einen wohlgediehenden Weinberg…“

Burgen im Weinland

Hinter Camburg, beherrscht vom 37 Meter hohen Bergfried der Cyriaksburg (1116), führt eine überdachte Saale-Brücke zurück auf das andere Ufer. Die steilen Talhänge des Trias reichen jetzt bis an das Flussufer. Mit einem Motorschiff geht es die Saale flussauf nach Saaleck. „An der Saale hellem Strande stehen Burgen stolz und kühn“ dichtete Franz Kugler 1828, und hier stehen sie nun, die Ruinen der Rudelsburg und der Saaleck, die den Kunsthistoriker zu seiner Ballade inspirierte.

In Bad Kösen, wo Käthe Kruse von 1912 an ihre Puppen fertigen ließ und die Sole des bekannten Heilbades über 16 denkmalgeschützte Saugpumpen zum 320 Meter langen Gradierwerk transportiert wird, mache ich einen Abstecher zum Weinzentrum des Saaletals: Hier, unweit der „Saalhäuser”, liegen die Gewölbekeller des Landesweingutes Naumburg. Die Kellerei des Landes Sachsen-Anhalt besitzt ausgezeichnete Lagen. Die Böden aus Muschelkalk, Keuper und Buntsandstein liefern kernige, herzhafte Weißweine, den edlen Tropfen aus Franken nicht unähnlich. Der hiesige Müller-Thurgau allerdings ist nur mengenmäßig Spitze. Kleiner, aber feiner geben sich Silvaner, Riesling, Weißburgunder und Kerner; Rotweine stellen nur fünf Prozent.

Vom Blütengrund zum Bilderbuch

Vom nahen Schulpforta, wo einst Fichte und Klopstock im berühmten Kloster der Zisterzienser die Schulbank drückten, führt eine Nebenstrecke nach Großjena. Dort, wo die Unstrut in die Saale mündet und die Trauben des „Großen Jenaer Blütengrund” die letzte Süße der Oktobersonne tanken, steht das „steinerne Bilderbuch”, ein riesiges Buntsandsteinrelief von 1722. Auf 200 Metern zeigt der imposante Fries elf Szenen aus der Geschichte des Weinbaus, teilweise biblisch-bukolisch überhöht.

Vorbei an einem Weinbergpavillon, der dem Leipziger Maler Max Klinger als Sommerhäuschen und Atelier diente, führt die Straße in Europas nördlichste Weinregion: zur Unstrut. Mit einer Anbaufläche von 480 Hektar bilden die Kalk- und Sandsteinhänge rund um Freyburg, auf deren Terrassen trockene Spitzenweine wie Weißburgunder und Traminer und der kräftig rote Dornfelder wachsen, zugleich eines der kleinsten deutschen Anbaugebieten. Und mit 1a-Lagen, die es zu entdecken lohnt: Höhnstedter Gewächse, von der Freyburger Winzergenosenschaft nur unter der Ortsbezeichnung angebaut und abgefüllt, sind wohl die unbekanntesten Spitzenweine Deutschlands. Auch eine echte Rarität, sonst nirgendwo in Deutschland zu finden, gilt es hier zu entdecken: André, ein kräftiger Rotwein, neu gezüchtet aus Lemberger und Saint-Laurent.

Freyburger Perlen

Seit nunmehr fast 1000 Jahre wird in Freyburg “geherbstet” – und alljährlich im September beim Winzerfest kräftig gezecht. Oder ein Gläschen des Sektes genossen, der zu den ältesten Deutschland zählt – und seit der Wende zahlreiche Freunde im Westen gewonnen hat: „Rotkäppchen“, trocken oder lieblich. Seit 1856 wird vor Ort der gleichnamige Sekt gekeltert.

Täglich bummeln Hunderte Besucher durch die berühmten Produktionsstätten, besichtigen den berühmten Kuppelbau und bewundern das riesige Prunkfass. Vom Jahn-Museum, einer Gedenkstätte für den hier 1852 verstorbenen Turnvater Jahn, führt ein Fußweg zum Schloss Neuenburg. Die großzügige Anlage, aus einer romanischen Burg entstanden, bietet drinnen ein interessantes Weinbaumuseum, draußen einen Bergfried mit phantastischer Aussicht auf die Rebenhänge des „Freyburger Edelacker”.

Ein Besuch bei Uta und Ekkehard beschließt in Naumburg die Weinreise entlang von Unstrut und Saale. Die beiden berühmtesten der zwölf Stifterfiguren, zu sehen im Westchor des Naumburger Domes St. Peter und Paul, schuf um 1250 ein unbekannter Meister. Ein Spaziergang zum Markt mit seinem spätgotischen Rathaus und den schönen Bürgerhäusern wird zum Hürdenlauf um Baustellen und Buden: Naumburg ist Modellstadt für Stadtsanierung. Vom 67 Meter hohen Turm der Stadtkirche St. Wenzel gleitet ein letzter Blick über die Stadt, in der bereits zur Jahrhundertwende alle Weine auf Flaschen abgefüllt wurden – eine damals zukunftsweisende Innovation. Auch ich weiß dies zu schätzen: Mit sechs Kisten „Kerner Spätlese” im Gepäck kehre ich heim.

Info

Wein kosten, kaufen, gucken

Winzergenossenschaft Freyburg-Unstrut, Querfurther Straße 15, 06632 Freyburg, Telefon: 03 44 64/2 73 84, 2 73 85

Rotkäppchen-Sektkellerei, Sektkellereistraße 5, 06632 Freyburg, Telefon: 03 44 64/34-0

Landesweingut Naumburg, Saalhäuser, 06682 Bad Kösen, Telefon: 03 44 63/2 73

Essen & Trinken

Freyburg

“Ratskeller”, Markt 21, 06632 Freyburg, Telefon: 03 44 64/6 10 16

“Zum Künstlerkeller/Altdeutsche Weinstuben”, Breite Straße, 06632 Freyburg, Telefon: 03 44 64/2 72 92

Naumburg

“Naumburger Ratskeller”, Markt, 06618 Naumburg, Telefon: 0 3 44 45/20 20 63.

Die älteste Trinkstube der Stadt, ursprünglich ein reiner Weinausschank, wurde im 17. Jahrhundert mit der Ratsküche vereint.1991 renoviert.

Übernachten

Jena

Schwarzer Bär, Lutherplatz 2, 07743 Jena, Telefon: 0 36 41/2 25 43/44. Hier weilte schon Goethe.

Freyburg

Hotel Unstruttal, Markt 11, 06632 Freyburg, Telefon: 03 44 64/7 07-0

Schon 1653 diente das Haus, später Posthalterei und Ausspanne, als Herberge. Wo einst Napoleons Truppen logieren, laden heute 15 Doppel- und zwei Einzelzimmer in gepflegtem Ambiente zum Verweilen ein.

Hotel „Rebschule Freyburg“, Ehrauberge 3306632 Freyburg

Tel. 03 44 64/30 80, www.hotel-rebschule.de

Dieser Beitrag ist in der Süddeutschen Zeitung erschienen.

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