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Ankara – 90 Jahre Hauptstadt der Türkei

Ankara lebt im Schatten des Touristenmagneten Istanbul. Höchstens Bildungs- und Business-Reisende besuchen die Boommetropole im Herzen Anatoliens. 2013 gibt es einen Grund, dies nachzuholen: Ankara ist seit 90 Jahren Hauptstadt der Türkei.

Als mehrspurigen Band durchschneidet die Schnellstraße vom Flughafen zur Stadt eine sanfte Hügellandschaft, sattgelb vom sonnengebleichten Gras. Dann ragen plötzlich Dutzende Wohntürme in Rot, Gelb, Rosa, Blau und Grün aus der Steppe, eng versammelt in einer Talsenke oder breit verstreut am Hang.

„Ankara wächst zu schnell. Wir brauchen Wohnungen“, sagt Nejdet, der Touristen durch Ankara führt. 4,3 Millionen Einwohner sind offiziell registriert, sechs Millionen Menschen leben wohl tatsächlich hier. Gebaut werden die Wohnblöcke vom staatlichen Wohnbaufonds Toplu Konut Idaresi Başkanlığı (TOKI), der seit dem Wahlsieg der „Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung“ (AKP) von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan das Bild der Städte in der Türkei verwandelt.

Bauboom & altes Erbe

Während der TOKI im rasanten Tempo zehnstöckige Wohnsilos in die Steppe setzt, schrumpft das alte Ankara. Wo seit dem 5. Jahrhundert vor Christus Phryger, Galater, Byzantiner, Seldschuken und Osmanen siedelten, sind heute nur noch wenige Spuren des antiken Ankyra erhalten. Vereint sind sie im Museum für anatolische Zivilisationen (Anadolu Medeniyetleri Müzesi).

Mit ausgewählten Stücken setzt es das Kulturerbe von der klassischen Antike bis zum osmanischen Reich in Szene: die 9.000 Jahre alte Fruchtbarkeitsstatuette der Venus von Çatalhöyük, bronzene Sonnenscheiben und Hirschstandarten aus den Fürstengräbern von Alacahöyük, hethitische Keilschrifttafel aus Hattuša, Steinreliefs mit Szenen des Gilgamesch-Epos und Nachbildungen der Großplastiken aus Fasıllar.

Neues Leben in alten Mauern

Wenig weiter zeigt Mustafa Koç, wie das historische Erbe zu neuem Leben erweckt und bewahrt werden kann. Sein Großvater Vehbi Koç, Gründer der Koç Holding Durable Consumer Goods Group, hatte sich mit Glühlampen, Gas, Automobilen und Konservenbüchsen zum reichsten Mann des Landes empor gearbeitet. Sein Enkel erwarb 2005 den alten osmanischen Gasthof Çengelhan.

Die 1523 erbaute Herberge am Hauptzugang zur Zitadelle war damals baufällig: Flammen hatten am dunklen Fachwerk und weißen Putz genagt, Fensterscheiben fehlten, das Ziegeldach war defekt. Zweieinhalb Jahre lang dauerte die Restaurierung. Heute birgt Çengelhan nicht nur Ankaras erstes Industriemuseum, sondern auch eines der schönsten Boutique-Hotels der Innenstadt.

Im glasüberdachten Innenhof sind mittags die Tische für die „Meze“ eingedeckt, der schier endlosen Sequenz von köstlich gefüllten Schälchen mit Hackfleischtaschen, Auberginenpüree, Tomaten-Gurken-Salat, Mini-Börek, gefüllten Weinblättern, Köfte und dem Zuckersaft getränkten Grießküchlein zum Dessert.  Aus Lautsprechern klingen leise die Lautenklänge der „Saz“. Stille liegt über dem Saal, Lichtjahre entfernt, und doch mitten in der Betriebsamkeit der Altstadt zu Füßen der Festung.

Sanierung und Abriss

Jetzt, am frühen Nachmittag, drängen Schüler in Uniform durch das Haupttor ins Innere des Festungsrings, heim zu niedrigen Häusern, zu denen Frauen mit Kopftuch die Heizkohle in grünen Plastiksäcken schleppen. Viele der verwinkelten Gassen sind Baustellen, die Sanierung des verarmten Slums ist in vollem Gange. Die Marschroute der Touristen hinauf zur Zitadelle säumen Souvenirshops mit Tüchern, T-Shirts und anderen Textilien.

„Gute Tasche, 30 Lira“, rufen die Frauen, die ihm Schatten der Mauer Taschen häkeln, Perlen aufziehen oder Silberschmuck biegen. „Für Sie nur 20 Lira!“ Neben der Ware an der Mauerwand steht ein kleiner Samowar, befeuert mit ein paar Zweigen.

Der geplante Moloch

Wirkte Ankara zunächst wie ein zersiedelter Moloch, eine Metropole aus lose miteinander verbundenen Vierteln, belehrt der Blick vom Mauerring der Zitadelle (Ankara Kalesi) eines Besseren. Aus 978 m Höhe zeigt die Stadt Struktur, Achsen und Viertel ihre Funktionen. Dieses Ankara ist die in Stein gemeißelte Vision eines Mannes, der in fünf Kilometer Luftlinie auf dem Hügel Anıttepe: Mustafa Kemal Atatürk.

Atatürks Modellstadt

1923 war der Offizier, erster Präsident der türkischen Republik geworden. Atatürk machte die Kleinstadt am Schnittpunkt zweiter Karawanenstraße zur Leitzentrale des 814.000 qm großen Landes und Modell der neuen Türkei: weltlich und westlich. In Stein meißeln sollte den Abschied vom Kalifenstaat ein Architekt, der bereits Groß-Berlin geplant hatte: Hermann Jansen.

Der 60-jährige Stadtplaner machte die Festung zur Stadtkrone und teilte die Stadt in Zonen für Regierungsviertel, ausländische Botschaften und Gesandtschaften, Universitäten, Arbeit und Wohnen ein, verbunden vom Atatürk-Boulevard, umgeben von einem Grüngürtel.

Monumental inszenierter Mythos

Zur Identitätsstiftung wurden – aus religiösen Gründen hatte es sie in der Türkei zuvor nie gegeben – erstmals Denkmäler aufgestellt, die nur ein Thema kannten: Propaganda für Atatürk, der bereits zu Lebzeiten als Personifikation des Staates stilisiert wurde. Ihren Höhepunkt erreicht der Atatürk-Mythos beim Anıtkabir, dem monumentalen Mausoleum für Mustafa Kemal. 42 Stufen führen hinauf zur Ehrenhalle.

Nirgendwo ist die tiefe Verehrung für den „Vater der Türken“ so zu spüren wie hier: Vorschulkinder, Familien, Geschäftsleute, Militärs, selbst junge Brautpaare erweisen ihm die Referenz und legen Blumen vor dem leeren Sarkophag nieder – die Gebeine des Staatsgründers ruhen unterhalb in der Grabkammer. „Zwölf Millionen Menschen besuchen jährlich diese gewaltige Anlage!“, sagt Nejdet, die Soldaten der Streitkräfte vor blank geputzten Glaskästen rund um die Uhr bewachen.

Vom Leben inspiriert

„Wir bekommen unsere Inspirationen nicht vom Himmel oder einer unbekannten Macht, sondern direkt aus dem Leben“ war Atatürk überzeugt, und das pulsiert im heutigen Ankara in Vierteln wie Hamamönü, wo 250 Häuser abgerissen und neu gebaut, 33 von Grund auf im osmanischen Stil erneuert wurden. Märkte, Masjids und Moscheen lassen so die vibrierende Atmosphäre, die um 1920 das Viertel berühmt gemacht hatten, wieder zum Leben erwachen.

Flanieren in Kavaklıdere

Dies gelang so gut, dass Hamamönü den Titel „auserlesene Destinationen Europas 2011“ erhalten hat. Aber selbst Einheimische nehmen vom frisch gekürten In-Viertel kaum Notiz. Sie zieht es zur Tunalı Hilmi Caddesi, der Einkaufs- und Flanierstraße im Herzen von Kavaklıdere, wo fliegende Händler „Simit“-Sesamkringel verkaufen, der Cayci (Teeträger) türkischen Tee über die Straße in die Geschäfte trägt und Kumpir-Kartoffelimbisse mit Bars und Cafés konkurrieren, die bis spät nachts geöffnet sind.

Kopftuchzwang, wie Erdoğan es für seine Familie durchgesetzt hat, oder das staatliche Alkoholverbot, dass der Premier am liebsten auch auf private Betriebe ausdehnen würde, sind hier kein Thema: Lokale wie das House Café an der Nenehatun wären auch in jeder westeuropäischen Metropole ein Szenetreff.

 

Anakra: Tipps und Informationen

ANREISE

Zum Beispiel mit SunExpress (www.sunexpress.com/de/tuerkei/ankara) – die Tochtergesellschaft von Turkish Airlines und Lufthansa fliegt Ankara in rund 3,5 Stunden an.

UNTERKUNFT

Mövenpick Hotel Ankara“ im aufstrebenden Wirtschaftsviertel Söğütözü, DZ/F ab 120 Euro, www.moevenpick-ankara.com, Boutique-HotelDivan Cukurhan“ am Fuße der Zitadelle, DZ/F ab 130 Euro, www.divan.com.tr.

RESTAURANTS

Das Gros der Restaurants pflegt die traditionelle Regionalküche; das beliebte Çadir Kebap House serviert Meze, Kebab und Cigköfte. Dass türkische Hausmannskost durchaus zu Höhenflügen fähig ist, beweist die Çengelhan-Brasserie im Divan Cukurhan. In-Treff mit Gourmet-Küche und fruchtigen Cocktails ist The House Café.

AUSKUNFT

Türkisches Fremdenverkehrsamt, Baseler Str. 35-37, 60329 Frankfurt, Tel. 069/23 30 81 82, www.goturkey.com

Dieser Beitrag wurde 2013 in den Medien der WELT-Gruppe veröffentlicht. In leicht veränderter Form erschien er später im Online-Reisemagazin www.schwarzaufweiss.de.

 

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