2007DänemarkEuropa

Auf der Schnapsroute um den Limfjord

Frankreich hat die „Route du Vin“, Deutschland die „Weinstraße“, Schottland den „Whiskey Trail“ – und Dänemark die „Schnapsroute“. Auf ihren sechs Strecken rund um den Limfjord in Nordjütland lässt sich die Heimat der Kräuterschnäpse entdecken, die im gesamten Königreich Kult sind: Branntweine, gewürzt mit duftenden Kräutern und Beeren, die überall am Ufer und Wegesrand wachsen.


Einst wurden die Kräuterschnäpse in jedem dritten Haus gebrannt, in Gasthöfen und in Klöstern. Heute ist Aalborg das Epizentrum der dänischen Schnapsindustrie: Von liegt die Heimat von Aalborg Akvavit. Und von dort stammt nicht nur der weltberühmte „Jubi“, alias Jubiläums Aquavit, sondern auch der Dild, Porse und Taffel Aquavit.

Insgesamt 17 Sorten mit mindestens 37,5 Volumenprozent (Vol.%) umfasst das Sortiment von V & S Distillers. Seit vier Jahren weiht Henrik Lehmann (64) bei einer zweistündigen Besichtigung der alten Backsteinfabrik an der C. A. Olesen Gade 1 die Besucher in die Geschichte und Geheimnisse der Schnapsherstellung ein.

Bereits um 1400 wurde in Dänemark „Snaps“ gebrannt – zunächst als „Aqua Vitae“, als „Lebenswasser“ und Allheilmittel gegen allerlei Krankheiten. Im 17./18. Jahrhundert wurde Branntwein durch die vielen Hausbrennereien zum Alltagsgetränk des Volkes – zumal er billiger war als Bier.

„Fuselfrei“ jedoch wurde der raue Klare erst 1846, als der Aalborger Schnapsbrenner Isidor Henius (1820 – 1901) die Kolonnendestillation erfand, ein mehrstufiges Brennverfahren, das bis heute Verwendung findet. 1881 folgte die Gründung der Danske Sprit-Fabrikker, 1923 wurde ihr das dänische Sprit- und Aquavitmonopol übertragen. Heute verlassen täglich rund 10.000 Flaschen täglich den Hof von V & S Danmark A/S in Aalborg, der ganz und gar im Hefeduft der Maische eingehüllt ist.

Die Basis der nordischen Spirituose ist 96-prozentiger Alkohol aus Korn oder Kartoffeln. Einzigartig wird der Klare durch die beigefügten Essenzen. Neben Kümmel greift jeder Hersteller zu einer individuellen Gewürzmischung, die wie ein Staatsgeheimnis gehütet wird.

Der Destillationsapparat bei Aalborg Akvavit. Foto: Hilke Maunder

Die Rezeptur kann Dillsamen, Anis, Fenchel, Nelken, Zimt, Koriander, Zitronen- oder Mandelschalen enthalten. Alkohol, Kümmel und die Würzmischung werden zum so genannten Würzdestillat gebrannt. Nur der Mittellauf, das Meisterstück jeden Brenners, wird mit enthärtetem Wasser und filtriertem Alkohol auf „Trinkstärke“ verdünnt – zum gattungsgeschützten Aquavit mit mindestens 37,5 Vol.% Alkohol.

Das Ganze geschieht rund um die Uhr und nahezu vollautomatisch – nachts kontrolliert ein einziger Mitarbeiter am Monitor die gesamte Produktion. Je fünf Prüfer testen bei Riechproben, ob die neuen Destillate dem Qualitätsanspruch der jeweiligen Sorte genügen. Älteste Marke des Hauses ist der seit 1846 destillierte Aalborg Akvavit mit der typischen Kümmelnote.

Zu seinem 100. Geburtstag 1946 brachten die Aalborger Brenner den goldfarbenen Aalborg Jubilaeums Akvavit
 mit 42 Vol.% auf den Markt, der durch den zugesetzten Dill besonders milde ist. Nur zu Weihnachten gibt es seit 1982 den Aalborg Jule Akvavit in limitierter Auflage für Sammler. Der hochprozentige Klare mit 47 Vol.% Alkohol ist mit feinsten Kräutern veredelt und mit einem Naturkorken verschlossen.

Jedes Jahr bekommt der Jule Akvavit eine neue Ausstattung und die aktuelle Jahreszahl. Die Lagerung im Holzfass gibt dem klaren Kümmelschnaps seine hell- bis honiggelbe Färbung – bei Fälschungen und Billigimporten wird dies durch Karamellisieren erreicht.

Die Frage der richtigen Schnapstemperatur teilt die Nation. Während Kenner wie Lehmann ihn zimmerwarm schätzen – „da entfaltet er erst sein richtiges Aroma!“ – legen andere Glas und Flasche ins Gefrierfach und schwören auf den eiskalten Schluck

Doch eines eint die Dänen: Ein Schnaps passt zu jeder Mahlzeit – und sei es morgens ein Aalborg Extra im Kaffee. Mit einem Wermut- oder Wacholderschnaps wird die mittägliche Frokost mit Smørrebrød oder Sild (Hering) – Büffet verdaut, mit Porse oder Dild das abendliche „Middag“.

Einen entspannten Abend beginnt man mit einem Engelwurzschnaps, zur netten Gesellschaft am Kamin gehört ein Walnuss-Schnaps, beim Einschlafen hilft ein Johanniskrautschnaps. Auf dem nahen Eisbrecher Elbjørn hält Lars Jeppesen in seiner Akvavit-Lounge mit dem größten Schnaps-Sortiment im Königreich für jede Lebensklage den passenden Korn bereit.

Sanft gewellt wie die Dünung auf dem Sund ist das auch das Land am Limfjord, durch das sich seit 1996 die Snapseruten schlängelt – nicht als markierte Themenroute, sondern als Netzwerk aus sechs Touren auf den Spuren der Brenner und Kräutersammler.

In Nibe haben längst schnittige Segelboote und Motorjachten die Trawler der Fischer verdrängt. 400 Jahre lang – vom 15.-19. Jahrhundert – fingen sie hier mit Stellnetzen die Heringe, die in großen Schwärmen vom Kattegatt in den Fjord schwammen, um in den Buchten westlich von Aalborg zu laichen. Eine Sturmflut beendete das einträgliche Geschäft. 1825 riss die stürmische Nordsee den schmalen Landriegel bei Agger Tange ein. Salzwasser strömte in den Fjord. Der einstige Brackwasser-See wurde zum Sund, Nordjütland zur Insel.

Auch die Schifffahrt auf dem Limfjord hatte mit den Tücken des Gewässers zu kämpfen. Besonders gefährlich waren die Untiefen vor Løgstør. Eine sichere Alternative bot ab 1861 der vier Kilometer lange Frederik VII.-Kanal. Neben der Drehbrücke an der Einfahrt des Kanals dokumentiert heute das Limfjordmuseum im weiß verputzten, einstigen Kanalwärterhäuschen die Geschichte der Schifffahrt und Fischerei auf dem Fjord.

Hinter Løgstør weitet sich die 180 km lange Wasserstraße zwischen Nord- und Ostsee zum Binnenmeer. Nur im Dunst zu ahnen ist das Nordufer, an dem Wikingerkönig Harald Blauzahn im Jahr 980 Skandinaviens größte Festigungsanlage errichten ließ – Aggersborg.

Die Aggersborg am Limfjord. Foto: Hilke Maunder

Am Südufer folgt die Küstenstraße schnurgerade der Wasserlinie. Mitten in der Marsch ließ König Valdemar der Große 1158 die größte Kirche Skandinaviens errichten – aus Dankbarkeit, das Blutbad in Roskilde überlebt zu haben.

Am 9. August 1157 hatten sich dort die drei Könige Knud, Sven und Valdemar getroffen, um ihre Machtansprüche in einem Vergleich zu regeln. Svend jedoch überfiel seine Nebenkönige und erschlug Knud, Valdemar gelang die Flucht.

Die Kirche von Kloster Vitskøl ist heute eine imposante Ruine, der Klostergarten der Zisterziensermönche der berühmteste des Landes. Allein ihr Apothekergarten enthält mehr als 100 Arzneipflanzen, die in sieben sechseckigen Gärten wachsen – jeder von ihnen repräsentiert einen Teil des Körpers.

Der Schnapsgarten vereint 70 Würzkräuter und bietet zwischen Beeten und Büschen zahlreiche Anregungen, einmal selbst das Brennen zu probieren. Das Veredeln von einfachen Schnäpsen ist ein dänisches Hobby. Im Wald, auf den Wiesen, in der Heide.

Selbst in den Dünen werden die Kräutersammler fündig: Die Blüten von Johanniskraut färben den klaren Korn blutrot, Holunder sorgt für einen leichten Honiggeschmack, Waldmeister für einen süßlich-würzigen Duft. Die Blüten der Bibernellrose geben dem Schnaps einen milden Rosengeschmack, ihre schwarzblauen Früchte verleihen ihm eine kräftige Würze.

Im Hafen von Hvalpsund legt eine kleine Fähre zur Halbinsel Salling über; kurz darauf schwingt sich eine 1,7 km lange Brücke 30 Meter hoch über dem Sallingsund nach Mors, mit 363 km2 die größte Insel im Limfjord.

„Mir imponierten die wilde Schönheit und die steilen baumbewachsenen Hänge, wo man durch Täler und über Hügel läuft und über den Fjord schaut, der weit unter einem liegt“, schrieb Aksel Sandemose (1899 – 1965) über das Eiland, das – so die Legende – Gott als Vorbild für ganz Dänemark diente. Der Schriftsteller indes haderte mit seiner Heimat. In seinen Büchern wird sein Geburtsort Nykøbing als „Jante“ zum Inbegriff für Kleinlichkeit und Beschränktheit.

Heute ist die einzige Stadt der Insel stolz auf den berühmten Schriftsteller – sein Elternhaus ist renoviert und Heimstatt für Schauspieler auf Tournee. Andere Gäste nächtigen gerne im Pakhuset, einem gemütlichen Hafenspeicher von 1850 mit 18 Zimmern und angeschlossenem Restaurant, das Fisch in vielen Variationen serviert – und in der Saison Miesmuscheln in Dillschnaps.

Der Hanklit an Mors an der Schnapsroute um den Limfjord. Foto: Hilke Maunder

Geradezu trunken macht die Landschaft im Norden von Mors. Schmale Landstraßen klettern über hügeliges Weideland in enge Täler, verschwinden unter den Kronen der Kastanien, passieren Raps-, Weizen- und Kartoffelfelder, und enden an einer Küste, die senkrecht aus dem Meer aufsteigt: als gelb-graues Band aus vulkanischer Asche und Kieselgur.

Ihre 150 Schichten, eng gepresst und gefaltet, schwingen sich am Hanklit 61 Meter empor und machen die grau-nackte Klippe zum aussichtsreichen Wahrzeichen von Mors. Insekten, Fische und Pflanzen, die in diesem Mo-Ton gefunden wurden, zeigt das Moler Museet in Hesselbjerg. Wenig weiter watscheln Gänse über den Hof von Skarregaard.

Das Gut von 1840 ist heute ein 200 Hektar großes, „belebtes“ Landwirtschaftsmuseum: Herrenhaus, Scheunen und Ställe können besichtigt werden, ein Faltblatt gibt Tipps für die Kräutersuche auf den 3-5 km langen Wanderwegen. In der Kammer des Knechts hängt ein Gagelstrauch.

Der wilde Rosmarin, in Dänemark auch Porst genannt, hielt einst als Bettstroh erfolgreich die Flöhe fern – und ersetzte den Arzt: 100 Blätter oder eine Handvoll Knospen auf eine Flasche Schnaps geben, einige Tage ziehen lassen, heiß genießen, und Zahnprobleme lösen sich im Rau(s)ch auf.

Mit Johanniskraut wurde Impotenz gelindert, mit Scharfgabe Wunden geheilt – wen wundert’s, dass einst fast jeder Bauer seinen Schnaps selbst brannte? Ein Destillationsapparat aus jener Zeit ist im Heimatmuseum Kloster Dueholm bei Nykøbing ausgestellt, das auch eine beeindruckende Sammlung historischer Schnapsflaschen besitzt.

Ganz neu auf dem Markt indes ist der passende Begleiter zur hochprozentigen Tour: der Snapseruten Snaps – ein Brøndum Snaps aus Aalborg, aromatisiert mit einer Essenz aus Johanniskraut, Heidelbeeren, Besenheide, Holunder und Dünenrose. Skål!

Auf der Schnapsroute um den Limfjord: die Info

Schnapsroute

Die Schnapsroute bilden sechs Rundfahrten, die sich miteinander kombinieren lassen. Ein guter Begleiter ist der Führer „Die Schnapsroute – eine geschmackvolle Entdeckung“ (48 DKK/6,40 Euro), der beim Netvaerk Limfjorden, Skeelslund, DK-9440 Aabybro, Telefon +45 98 24 47 10, Fax +45 98 24 47 58, E-Mail: info@snapseruten.dk, in den Lokalen online unter www.snapseruten.dk erhältlich ist.

Fabrikbesichtigung

Aalborg Akvavit

V & S Distillers, C. A. Olesen Gade 1, DK-9000 Aalborg, Tel. +45 98 12 42 00, www.distillers.dk, www.aalborgakvavit.dk, Führungen: Juni – August Mo., Sa. 10.00 und 14.00 Uhr

Dieser Beitrag ist am 21. April 2007 im Bremer Weserkurier erschienen. 

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Christoph Schumann kennt Dänemark wie seine Westentasche. Seit Jahrzehnte bereist der Skandinavienspezialist das kleine Königreich. Und hat mit dem Baedeker „Dänemark“ einen Führer verfasst, der kompetent wie unterhaltsam Reise-Inspirationen mit detaillierten Infos zu Sehenswerten und Außergewöhnlichen, Klassikern und Kleinoden verbindet.

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