1991DeutschlandMecklenburg-Vorpommern

Dorf Mecklenburg: Namensgeber für ein Land

Laster und Limousinen drängeln sich auf der B 106 von Wismar nach Schwerin, Baustellen, schnell hochgezogene Gewerbegebiete und eingestaubte Bauernkaten säumen den Weg nach Süden. Dann taucht eine Bockwindmühle am Horizont auf, und wenig später ein großes Schild in den Landesfarben Rot-Gelb-Blau: Willkommen in Dorf Mecklenburg.

Das „Dorf““, heute eine Bettenburg auf dem Lande, trägt seinen historischen Namen zu recht: Hier, sechs Kilometer südlich von Wismar, liegt die Stammburg des mecklenburgischen Fürstenhauses. Der Sitz der Obotritenfürsten in Mecklenburg gab dem ganzen Land seinen Namen.

Der westslawische Stamm war um 600 nach Christus während der frühmittelalterlichen Völkerwanderung in den Westen Mecklenburgs eingedrungen. Charakteristisch für die slawischen Siedlungen waren Burgen als Herrschersitze und politische Zentren.

Ursprünglich wurden sie auf Bergkuppen errichtet – so liegt auch die Stammburg auf einer Anhöhe, die heute einen weiten Blick auf das Großdorf, die Schrebergärten und die flache Marschlandschaft ringsum erlaubt.

Am 10.September 995 wurde die Obotriten-Stammburg erstmals erwähnt. Kaiser Otto III. stellte hier nach einem Feldzug gegen die Slawen die „actum Michelenburg“ aus. Den Namen der Michelenburg leiten Historiker vom griechischen „megalos – groß“ ab.

Wie die befestigte Anlage aussah? Der Burgwall, früher von Wasser, heute von Moor umgeben, war zehn bis zwölf Meter hoch und maß rund 150 bis 200 Meter im Durchmesser. Auf der Wohnfläche 100 mal 170 Meter standen, vom Wall geschützt, mehrere Blockhäuser mit einer Wandlänge von fünf Meter. Vom 9. bis 13. Jahrhundert sind Steinbauten nachweisbar.

Die Obotriten, die westlichsten Herrscher von Mecklenburg, mussten sich häufiger gegen Vorstöße deutscher Herrscher zur Wehr setzten. Vorübergehend wurden die Obotriten von Otto dem Großen unterworfen und durch Hermann Billung als Markgrafen für Ostholstein, Mecklenburg und Vorpommern ersetzt. Im großen Slawenaufstand 983 wurde der ungeliebte Markgraf jedoch vertrieben.

Im 12. Jahrhundert begann die Christianisierung der heidnischen Slawen. Erzbischofs Hartwig von Hamburg kündigt in einer Urkunde vom 10. Oktober 1149 die Wiederaufrichtung der von den heidnischen Slawen verwüsteten Bistümer Aldenburg, Ratzeburg und Mecklenburg an – das heißt, die Burg muss während der Christianisierung des Landes auch Bischofssitz gewesen sein.

Drei Jahre später bezeichnet Kaiser Barbarossa die Burg Mecklenburg als „Castrum Magnapolense“ als Teil des Bistums Schwerin. 1160 wird die Burg von Niklot beim Anrücken von Heinrich dem Löwen niedergebrannt. Der Welfenherzog übergibt die Burg später an Heinrich von Schata. 1164 wird sie von Niklots Sohn Pribislav zerstört, 1169/70 durch Pribislav wieder aufgebaut.

1257 verlegte Fürst Johann der Theologe seine Residenz nach Wismar. Zur Zeit des Vormundschaftsstreites von 1275 bis 1278 macht die eine der beiden Parteien – die Herren von Werle und der Graf Schwerin – die Burg erneut zur Festung und unternehmen von hier aus ihre Raub- und Beutezüge durch das umliegende Land.

Als Heinrich der Pilger 1298 aus langjähriger Gefangenschaft aus dem Morgenland wiederkommt, erfolgt der Wiederaufbau der Burg. 1328 wird die Festung erneut angegriffen; Vorburg und Burg, von Führer und Mannschaft verlassen, werden verbrannt. Obwohl noch später auch Fürsten hier lebten oder ihre Gäste beherbergten, verfiel die Burganlage vom 15. Jahrhundert an zunehmend. 1854 wurde der beackerte Burgwall aufgeforstet, 1870-74 als Dorffriedhof eingerichtet.

500 Meter südlich der alten Stammburg liegt die Dorfkirche aus der Mitte des 14. Jahrhundert. Besonders typisch ist der Turm mit seiner achteckigen „Bischofsmütze“, wie Turmhelme dieser Art im Volksmunde genannt werden. Sehenswert im Innern sind der Altar von 1622, die Kanzel von 1618, die Triumphkreuzgruppe von 1633 und das Christus-Steinrelief von 1623. Die Taufe wie verschiedene Gemälde stammen ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert.

Hauptattraktion heute ist jedoch das Agrarmuseum, 1978 entstanden als „Traditionsstätte der sozialistischen Landwirtschaft“. Ausstellungshalle, Freifläche und Bodenreform-Denkmalbereich bieten die Möglichkeit, sich ausgiebig mit Agrargeschichte und dem Leben in Haus und Hof zu befassen.

Zu sehen sind Zeugnisse der mecklenburgischen Gutswirtschaft von 1945, der Bodenreform, der Praxis der DDR-Landwirtschaft und der Lebensverhältnisse der Landbevölkerung.

Das Schönste jedoch: Es ist ein Museum nicht nur zum Schauen, sondern zum Anfassen. Agrartechnik aus den letzten 150 Jahren, Traktoren, Motoren, Transportmittel, Erntemaschinen, ein Agrarflugzeug und sogar eine Windrad-Wasserhebeanlage können „live“ erlebt werden.

Dieser Beitrag ist 1991 in „1000 Ausflugsziele in Mecklenburg-Vorpommern“ erschienen. 

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