2004DeutschlandSachsen-Anhalt

Das blaue Band: Abenteuer Elbe

Ein Binnenland entdeckt den Wassertourismus: Das Blaue Band von Sachsen-Anhalt verbindet Aktivangebote auf und an dem Wasser mit kulturhistorischen Attraktionen an Land. Besonders kompakt lassen sich Natur und Kultur, Kunst und Kulinarie zwischen Wittenberg und Wörlitz genießen.

Auf dem Balkon spielt ein kleines Festorchester, vor der Hafenmeisterei gibt es Weißwein und Schnittchen. Die Hände in die Seite gestemmt, blickt Renate Schult in die Ferne: Hinter Kai und Elbauen grüßt die Lutherstadt Wittenberg mit ihren Wahrzeichen – links die Schlosskirche, rechts die Stadtkirche St. Marien, an dessen Tür Martin Luther 1517 seine 95 Thesen anschlug.

Wittenberg: Tür am Lutherhaus. Foto: Hilke Maunder

Ganz in rot weist Luther den Weg zum neuen Jachthafen mit dem Marina Camp Elbe (MCE). Vier Jahre hat Familie Schult mit Fördermitteln und eigenen Ressourcen eine russische Kaserne in ein komfortables Idyll für Wasserwanderer und andere Reisende entlang der Elbe verwandelt: mit 80 Liegeplätzen, 100 Caravanstellplätzen samt Internet-Anschluss und preiswerten Blockhütten für Radwanderer. Im Empfangsgebäude sorgen Sauna, Solarium und Sportgeräte für Fitness, nebenan ein Weinkeller für romantische Stunden.

Mit der Eröffnung des Marina Camp Elbe feierte nicht nur Wittenberg, sondern das Land Sachsen-Anhalt das jüngste Vorzeigeprojekt des „Blauen Bandes“. Seit 1997 wurden mehr als 47 Millionen Euro Fördergelder in den Ausbau der wassertouristischen Infrastruktur investiert – insgesamt 60 Projekte von Kommunen oder privaten Investoren. Denn: „Sachsen-Anhalt ist wesentlich wasserreicher, als es mancher diesem Binnenland zutraut“, erläutert Ursula Schild vom Landesmarketing Sachsen-Anhalt (LMG).

Wittenberg: Blick vom Hafen des Marina Camps Elbe (MCE) auf die Elbauen und die Lutherstadt mit Schlosskirche. Foto: Hilke Maunder

Ob es die großen Flüsse wie Elbe, Saale, Unstrut, Havel, Mulde oder Bode sind, große Seen wie der Arendsee, Stauseen wie die Talsperre Kelbra oder die vielen Kanäle mit dem Wasserstraßenkreuz Magdeburg im Zentrum – das Binnenland bietet ein beträchtliches Potenzial für Urlaub an und auf dem Wasser. Einen ersten Überblick über Attraktionen und Angebote gibt das Handbuch „Blaue Band“ vom Ministerium für Wirtschaft und Arbeit sowie eine übersichtliche Gewässerkarte.

Unterwegs erleichtern Infotafeln an rund 160 Standorten des Blauen Bandes die Orientierung. Die weithin vom Wasser sichtbaren Tafeln informieren über Serviceleistungen und Ausstattung der Stationen und weisen auf Sehenswürdigkeiten vor Ort und in der Umgebung hin.

Magische Anziehungskraft übt besonders die Elbe aus. Während Rhein, Main, Mosel und Saar längst kanalisiert sind, darf Deutschlands zweitlängster Fluss auf mehr als 600 Kilometer noch frei fließen – die Hälfte davon in Sachsen-Anhalt. 303 Kilometer strömt und windet sich die Elbe zwischen Fläming und Dübener Heide, Magdeburger Börde und Altmark hindurch.

Einsetzen der Kajaks in eine Bucht der Elbe. Foto: Hilke Maunder

Bei Elbkilometer 230 trägt ein kleine Gruppe behäbige grüne Leihkajaks durch kniehohes Gras zu einer kleinen Bucht an der Elbe. Nach einer kurzen Einführung paddelt sie in Zweierteams elbabwärts. Knorrige Weiden und Schwarzerlen säumen die Ufer, unterbrochen von Schafweiden. Hier und dort verharrt ein Graureiher regungslos im Wasser, quakt ein Frosch, flattern Weiß- und Schwarzstörche auf – nirgendwo sonst in Mitteleuropa nisten sie so zahlreich. Eine friedvolle Ruhe liegt über dem gemächlich dahin strömenden Fluss.

Zwischen zwei Elbbuhnen versteckt sich ein kleiner Strand. Angler haben ein Zelt aufgeschlagen, Holzkohlen auf den Grill gelegt und warten jetzt auf einen guten Fang. Seit dem Fall der Mauer hat sich die Wasserqualität enorm verbessert. Mittlerweile sind auch die ersten Lachse zurück gekehrt. Und die Badelustigen. Trotz der noch kühlen Temperaturen tobt der Nachwuchs im Wasser.

Boje der Gierfähre Coswig. Foto: Hilke Maunder

Jeder Stromkilometer bietet neue Bilder und Eindrücke.Still, verhalten und vielleicht gerade deshalb umso eindringlicher. Viel zu schnell lugt das Renaissanceschloss von Coswig gelb zwischen den Bäumen hervor. Dann warnt ein Schild vor den Seilen der Gierfähre, die seit 140 Jahren mit der Kraft der Strömung Fußgänger und Fahrzeuge von früh bis spät über die Elbe zieht.

Sobald sie angelegt hat, schieben drei Frauen aus Hamburg ihre voll bepackten Räder auf das historische Gefährt: In Coswig wechselt der Elberadweg R2 das Ufer. Jetzt geht es linkselbisch weiter. Auf weniger als 30 Kilometern verbindet der Radweg mit dem mäandrierendem „e“ und integriertem Elbe-Schriftzug drei Stätten des Unesco-Weltkulturerbes: das Gartenreich Wörlitz und das Bauhaus-Erbe in Dessau – beides Zeugnisse von Revolution und Aufbruch.

Blick von der Pfarrkirche St. Nicolai auf den Markt und die Oberfischerei von Coswig. Foto: Hilke Maunder

Das kleine Fürstentum Anhalt-Dessau wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einem Freiraum für wirtschaftliche und kulturelle Reformen. Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740-1817), ein Zeitgenosse Goethes, war ein aufgeklärter Herrscher und wollte seinen Reform-Vorstellungen auch optisch Form verleihen. Zwischen Wittenberg und Dessau ließ er daher ein landschaftliches Gesamtkunstwerk anlegen, das die Forderungen der Aufklärung in real erlebbare Landschaft umsetzen sollte.

Die weiten Auen im Süden der Elbe wurden von seinem Landschaftsarchitekten Wilhelm von Erdmannsdorf in Parkanlagen verwandelt, deren Herz der Wörlitzer Park bildet. Unzählige Wege durchziehen das Idyll aus Kanälen und Brücken, Schlössern und Tempeln, Skulpturen und Ornamenten, Blau und Grün.

Nach jeder Wegbiegung kommt eine neue Welt zum Vorschein. Sichtachsen geben unvermittelt den Blick auf Bauwerke frei. Die korinthischen Säulen des Pantheons, dem Namensvetter aus Rom nachempfunden, spiegeln sich zwischen Seerosen auf dem Großen Walloch-Teich.

Im Nordwesten der Anlage versteckt sich der Betplatz des Eremiten. Fürst Franz selbst logierte auf Schochs Insel im Gotischen Haus, das Teile seiner Sammlungen beherbergte. Die Kanalfront ist einer venezianischen Kirche nachempfunden; zur Gartenseite diente die englische Tudorgotik als Vorbild. Leise gleitet eine Gondel vorbei, verschwindet im Wolfskanal und kehrt vorbei am Kleinen Walloch zum Wörlitzer See zurück. Auch so idyllisch zeigt sich das Blaue Band.

Die Elbauen bei Coswig. Foto: Hilke Maunder

Blaues Band: Info

Hinkommen

 Wittenberg ist Eisenbahnknotenpunkt der Strecken Berlin-München und Magdeburg-Dresden. Die Flughäfen Berlin-Tegel, Berlin-Schönefeld und Halle-Leipzig sind in einer Stunde zu erreichen. Mit dem Wagen die Autobahn A9 Nürnberg-Berlin an der Abfahrt Coswig verlassen.

Schlafen entlang der mittleren Elbe

Steigenberger Hotel Fürst Leopold

Friedensplatz, 06844 Dessau, Tel. 03 40 25 15-0, www.dessau.steigenberger.de

Best Western Hotel Stadtpalais Wittenberg

Collegienstraße 56/7, 06886 Lutherstadt Wittenberg, Tel. 03491 42 50

Marina Camp Elbe (MCE)

Brückenkopf 1, 06886 Lutherstadt Wittenberg, Tel. 034 91 45 40, www.marina-camp-elbe.de

Schlemmen an der mittleren Elbe

Schlosskeller

Schlossplatz 1, 06886 Lutherstadt Wittenberg, Tel. 03491 48 08 50

Veranstaltungen

12./13. 6.: Stadtfest „Luthers Hochzeit“, Wittenberg

ab 16.7. jeweils Fr./Sa.: „Heinrich IV“, Open-Air-Theater, MCE/Wittenberg

Auskunft

Landesmarketing Sachsen-Anhalt

Am Alten Theater 6, 39104 Magdeburgm Tel. 018 05 37 20 00, www.sachsen-anhalt-tourismus.de

Verein Blaues Band e.V.

c/o Trägergesellschaft Land Sachsen-Anhalt, Leipziger Straße 49a, 39112 Magdeburg, Tel. 03 91/6 05 4, www.blauesband.de

Dieser Beitrag ist am 16. April 2004 im Handelsblatt erschienen.

Die Balkone an der Ostfassade des Bauhauses in Dessau. Foto: Hilke Maunder
Die Bauhaus-Meisterhäuser in der Ebertallee, hier: Haus Mucha/Schlemmer. Foto: Hilke Maunder

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