2000DeutschlandSachsen-Anhalt

Go, Trabi, go!

Mit Mühe lassen sich die Beine hinter dem Lenkrad verstauen. Den Choke rein, den Zündschlüssel irgendwo in der Tiefe umdrehen, Gas geben, und schon kann Heike deutlich riechen, was sie heute fährt: einen Original Trabant P 601. „Ich bin schon etwas aus der Übung“, lacht die junge Frau aus Berlin, als sich der Motor der „Rennpappe“ aus Zwickau nach wenigen Sekunden wieder verabschiedet. Doch Hilfe naht umgehend: Ältere Männer, die auf dem Schlossplatz der Lutherstadt Wittenberg die kleine Gruppe bei ihren ersten Fahrversuchen im sozialistischen Straßenflitzer neugierig beäugen.

Impression aus Wittenberg: die Tür am Lutherhaus.

Trabi-Fahren braucht Fingerspitzengefühl

„Se müssen schon des Benzinhebelsche von „Z“ auf „A“ stellen, und dann blosch net die Kupplung träte. Sehen Se, so geht’sch.“ Der Motor gurgelt, brummt, aus dem Auspuff fauchen stoßweise blaue Rauchwölkchen. Pack, pack, pack, tuckert der Zweitakter vor sich her. „Verdammt, warum geht der Gang nicht rein?“ Erst nach zig Versuchen rastet die spiegelverkehrte Lenkradschaltung, bei der man feinfühlig starten und in der richtigen Position kraftvoll zudrücken muss, im ersten Gang ein.

Erleichtert löst Heike die Bremse, dreht eine Testrunde und reiht sich dann hinter dem Führungsauto von Maik Fraustein ein. Seit 1994 bietet der Mittfünfziger, der in seiner Jugend bei Leichtathletik-Wettkämpfen so manche Medaille erlief, Trabant-Touren durch Sachsen-Anhalt an.

Limousinen, Kombis und Cabrios bilden seine Flotte, größtenteils noch in den Originalfarben lackiert – delfin-blau, gletscherblau, knallgelb und grau, pardon, papyrus-weiß. Unter einer Karosserie aus lackierter Pappe brummt der Motor wie ein Rasenmäher. Ein unvergesslicher Geruch aus Öl und Benzin begleitet jeden gefahrenen Kilometer. Maximal 30 Fahrzeuge nimmt Fraustein mit auf Tour. Wer den Anschluss verliert, findet im Handschuhfach ein Roadbook mit Fragen, Infos zur Strecke – und Maiks Mobilfunknummer.

Bei Elster wird mit der Fähre wird über die Elbe gesetzt

Zwischen Turbo-Golf und Truck

Im Konvoi rollen die Fahrzeuge vom sicheren Terrain auf die viel befahrene Bundesstraße. 26 PS Trabant, eingepfercht zwischen Turbo-Golf und Truck. Kleine Schweißperlen leuchten auf Heikes Stirn. Die neue Wittenberger Elbbrücke passiert, geht es auf der B 187 stromaufwärts über Mühlanger nach Elster. Kaum eine Minute vergeht, dass nicht überholt wird: Lächeln winken BMW- und Golf-Fahrer herüber. Ob man will oder nicht: Wer Trabi fährt, erregt Aufmerksamkeit. Beim Warten auf die Fähre streichelt eine Passantin Gedanken verloren die Karosserie. Minuten später erbitten Radfahrer, die dem Elberadweg folgen, ein Erinnerungsfoto.

Wo immer die Trabis auftauchen, werden sie zum Vehikel für Erinnerungen, Gespräche, Begegnungen. Das Volksauto von einst ist heute selbst im Osten ein Exot. Weniger als 100.000 Fahrzeuge sind heute noch in Deutschland zugelassen. Die Serienproduktion des Sachsenflitzers begann am 1. Juli 1958 mit einer Innovation: Er besaß die weltweit erste Stahlgerippe-Karosserie mit Kunststoff-Beplankung.

Seine „Plaste“ wurde aus Baumwollabfällen und Kunstharz bei hoher Temperatur unter Druck zusammen gepresst. Mehr als drei Millionen Fahrzeuge liefen bis zum 30. April 1991 im Zwickauer Sachsenring-Werk vom Band. Seinen Namen erhielt der Trabant durch den ersten Sputnik, der 1958 die Erde umkreiste.

Auf der Elbfähre.

Mit Tempo 80 durch Alleen

Während der kurzen Fährfahrt über die Elbe tauscht die Gruppe erste Erfahrungen aus. Die Männer geben sich fachmännisch, die Frauen erzählen Anekdoten. Auf der Weiterfahrt gen Bitterfeld zieht sich das Feld. Immer schneller schnurrt der Trabi an sattgrünen Kornfeldern und kilometerlangen Kastanienalleen vorbei. 80 Stundenkilometer zeigt die Tachonadel. Den Mitfahrenden wird mulmig. Im Trabant erhält Geschwindigkeit eine ganz andere Dimension. In Kurven verstummt das Gespräch.

„Hast Du auch alles gut im Griff ? Der Wagen schwimmt so,“ sagt schließlich Gabi, die Beifahrerin. Heike nickt und hantiert nervös mit Lenkradschaltung, murrt leise „sch…“ und legt schließlich sichtlich erleichtert die Vier-Gang-Revolver-Handschaltung in den dritten Gang.Als sich die erste Aufregung gelegt hat, wird das Innere inspiziert. Wo ist die Tankanzeige? Gibt es nicht, lernt die Gruppe beim ersten Stopp. Ist der Tank leer, wird der Benzinhebel von „A“ auf „R“ umgestellt und das Reservefach geöffnet – dann weiß man, wie viele Liter noch übrig sind.

Noch etwas einsam stehen die Trabis auf dem Großparkplatz vor der Bitterfelder Wasserfront, die seit 1992 durch die Sanierung des Braunkohletagebaus entstanden sind. Wo einst 850 Millionen Kubikmeter Erde bewegt, sechs Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und die Mulde auf sieben Kilometer Länge umgeleitet wurde, um 315 Millionen Tonnen Braunkohle zu fördern, erstreckt sich heute auf 25 Quadratkilometer ein weites Blau, gesäumt von Rad- und Wanderwege, einzigartigen Biotopen und Orten der Kunst. Weithin sichtbar ist das Wahrzeichen der neuen Bitterfelder Seenlandschaft: eine schwimmende Brücke mit Pegelturm.

Ferropolis: Blick vom Braunkohlebagger aus den 1980er-Jahren auf das Gelände.

Kino & Konzerte

In Bitterfeld lebt auch die Filmfamilie Struutz mit ihrem Trabi „Schorsch“, deren turbulente Italienreise 1991 mehr als eine Million Zuschauer in die Kinos holte. 1992 erreichten die Nachwehen der Wendezeit das einstige Braunkohlerevier: In Go Trabi Go 2 säumen ausgeschlachtete Trabis die Straßen.

Mit der Wende arbeitslos wurden auch fünf riesige Giganten aus Stahl: die Braunkohlebagger des mittlerweile gefluteten Tagesbaus Golpha-Nord. Vor vier dieser monströsen Monumente aus Stahl, deren Förderschaufeln allein mehrere Meter hoch sind, legten Londoner Architekten eine Arena für 25.000 Zuschauer an – als neues Herz von Ferropolis. Die „Stadt aus Eisen“ bei Gräfenhainichen ist nicht nur ein einzigartiges Industriemuseum, sondern gehört zu den angesagtesten Locations Deutschlands.. Zur Eröffnung im Jahr 2000 spielte Mikis Theodorakis vor ausverkauftem Hause; 2003 tobten Böhse Onkelz über die Bühne. Das Konzertprogramm liebt Kontraste: 2004 gastierten die Kastelruther Spatzen, Nena, Udo Lindenberg und Helmut Lotti; 2005 markierte das Konzert von Peter Maffay den Auftakt der Feiern zum zehnjährigen Jubiläum von Ferropolis.

Knatternd und krachend rollt die Kolonne zurück zur Lutherstadt Wittenberg. Blaue Abgaswolken kräuseln aus dem Auspuff. Als die ersten Regentropfen fallen, beginnt Heike zu singen. „Ein himmelblauer Trabant rollte durchs Land, mitten im Regen“. Welche Probleme der Wetterumschwung bereitet, verschweigt der DDR-Schlager von Sonja Schmidt. Der Scheibenwischer ist so groß wie der Handteller.

 

Dieser Beitrag ist im Rheinischen Merkur und auf Spiegel Online erschienen.

 

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