Mit dem Postschiff durch den Nakskov-Fjord

Im Naturpark Nakskov Fjord lädt Torben Rasmussen Urlauber ein, ihn bei seiner tagtäglichen Arbeit zu begleiten: als Postbote. Während der kauzige Kapitän Briefe, Pakete und bestellte Waren verteilt, können die Gäste drei Stunden lang die stille Schönheit des inselreichsten Fjords Dänemarks erleben.

Torben Rasmussen kneift die Augen zusammen. In der schmalen Fahrrinne des Hafens muss der 57-Jährige genauestens Kurs halten. Nur wenige Meter außerhalb des Tonnenstrichs, sprich der Fahrwasser-Tonnen, watscheln Höckerschwäne durch die flachen Fluten. Steuerbord überragt der Turm der Nikolaikirche die Altstadt. Backbord gleiten erst wuchtige Kaispeicher, dann das russische U-Boot U 359 vorbei.

Das stählerne Ungetüm der „Whiskey-Klasse V“, so die offizielle NATO-Bezeichnung, erinnert heute multimedial an die Zeit des Kalten Krieges. Das 76 Meter lange und mehr als 1.000 Tonnen schwere Patrouillenboot kontrollierte mit 58 Mann Besatzung bis 1989 in bis zu 300 Meter Tiefe die Meere – bestückt mit zehn Torpedos, die Atomsprengköpfe trugen.

In den beiden Trockendocks der Nakskover Schiffswerft warten die ausgemusterten DSB-Fähren „Karl Carstens“ und die kleinere „Holger Danske“ auf eine ungewisse Zukunft. Das Werftgelände hingegen, auf der von 1916 bis 1986 mehr als 230 Schiffe, 200 Meter lang und bis zu 30 Meter breit, gebaut wurden, hat den Sprung in die Zukunft geschafft: als Industriepark für innovative Technologien.

Für die Arbeiter der Werft wurde 1920 gegenüber auf der Landspitze Traelleholm die Gartenstadt Rosnaes angelegt. Die Direktoren, Ingenieure und leitenden Angestellten sicherten sich für ihre Villen die schönsten Grundstücke entlang der Förde. In der Mühlenbucht ragen Mastspitzen hinter den Deichen empor. Mit dem Aushub des Segelhafens, in den 1940er-Jahren in einem Flachwassergebiet aufgeschüttet, entstand ein beliebtes Ausflugsziel der Nakskover: die Halbinsel Hestehovedet, der „Pferdekopf“.

Mit Händen, die von Jahren harte Arbeit zeugen, packt Torben das Ruder, dreht nach Norden ab und steuert die „alte Rinne“ an, die Schmelzwasser der letzten Eiszeit acht bis zehn Meter tief eingrub.

DK/Lolland/Nakskov: Mit Kapiän Torben Rasmussen (53) auf dem Postboot "Vesta" unterwegs im Nakskov Fjord.
Mit Kapitän Torben Rasmussen (53) auf dem Postboot “Vesta” unterwegs im Nakskov Fjord.

Möwen gellen im Wind. Kormorane tauchen nach kleinen Dorschen und jungen Aalen. Mit 82 PS stampft die Vesta durch die sanfte Dünung des Sunds. 1924 erbaut, war das 4,2 Meter breite und 9,91 Meter lange Schiff zunächst als Fähre nach Fejø nördlich von Lolland im Einsatz. Seit 1935 nimmt der bullige Kahn Tag für Tag Kurs auf die Inseln im Nakskov Fjord und bringt den Bewohnern nicht nur mit der Post. Vor Jahren ächzte das Postboot unter acht Tonnen Getreide, dann schlugen Pferdehufen unruhig auf das stählerne Deck.

Heute stapeln sich schwarze Säcke an Bord – altes Brot vom Supermarkt für die Enten und Fasane auf Vejlø. Doch bevor Torben seinen Bruder, der als einziger die Insel bewirtschaftet, mit dem Futter für sein Federvieh versorgt, lässt er die Gäste auf Slotø zurück. Die „Schlossinsel“ ist ein „Privat Bro“, wie ein Schild am Steg informiert – ein privates Eiland im deutsch-dänischen Besitz. Doch wer sich die Ruinen der befestigten mittelalterlichen Werft sowie den Festungsturm und die Flankenmauern ansehen will, ist willkommen. Von der Werft, 1508-11 auf Befehl von König Hans erbaut, liefen bis 1633 Schiffe hier vom Stapel.

Zehn Minuten später ist Torben zurück, geht es weiter gen Süden. Schnell ist das Schiff im Schutz von Enehøje, mit 100 Hektar größte der elf Inseln im Fjord. Flache Felder säumen die Ostseite, eine sandige, bis zu zehn Meter hohe Steilküste das Westufer. Die beiden Wal-Kiefer, das der Polarforscher Peter Freuchen um 1920 als Seezeichen auf der Insel aufstellte, werden längst vom Wald nahezu verdeckt.

An der Südspitze Sondernaes nimmt Torben Kurs nach Nordwest, hält das Ruder eine Zeitlang gen Langeland, dreht dann aber nach Süden ab. Mit gutem Abstand zu den Untiefen backbords tuckert die „Vesta“ zur äußersten Halbinsel des Fjords: Albuen. Während der kauzige Kapitän den Leuchtturm warten, sein Labrador „Zita“ durch die Fluten springt, bleibt eine Stunde Zeit, den „Ellenbogen“ zu erkunden.

Nakskov: Mit Kapitän Torben Rasmussen (53) auf dem Postboot "Vesta" unterwegs im Nakskov Fjord. Letzte Station: Albuen. Hier: Wegweiser zu wichtigen grossen und kleinen Orten der Welt.
Auf Albuen findet ihr Wegweiser zu wichtigen grossen und kleinen Orten der Welt.

Das steinerne Wohnhaus ist mittlerweile verwaist: Im Herbst letzten Jahres verstarb mit Hans Gunnarsen der letzte feste Bewohner. Jetzt kommen nur noch die Feriengäste, genießen ungestört die Einsamkeit am FKK-Strand oder verharren stundenlang mit Feldstecher und Notizblock am Strand. Albuen ist – wie auch die anderen Inseln und Werder der Förde – Brutgebiet vieler Küstenvögel. Vom 15. März bis 15. Juli gelten daher Schutzzonen, die nicht betreten werden dürfen.

An der Spitze von Albuen brüten dann Rotschenkel und Austernfischer, Seeschwalben und Sandregenpfeifer zwischen Strandhafer, Disteln und Dünengras. Das ganze Jahr hindurch hocken Schaben auf den Pfählen der Stellnetzfischer. Für die Orientierung auf dem gekrümmten Graswarder sorgte ein Hamburger Zahnarzt. Mit seinem Praxis-Bohrer fräste er die Namen von großen und kleinen Zielen aus aller Welt in angeschwemmtes Treibholz, nagelte sie zu einem Wegweiser zusammen und platzierte ihn oberhalb des hölzernen Anlegesteg.

Laut tutend durchbricht das Schiffshorn der „Vesta“ die Stille. Den Duft von Tang im Luv, geht es jetzt in der „Straßenbahnrinne“ schnurgerade zurück nach Nakskov. Mit vier Millionen Kronen – und viel Mut – war 1913 bis 1919 diese fast fünf Kilometer lange Fahrrinne vom Langelandsbelt bis zum Nakskover Hafen für den Fährverkehr und die neue Schiffswerft realisiert worden. Aus den Millionen Kubikmetern Aushub entstanden neue Inseln wie Munkholm. Minuten später leuchtet Naksov im Sonnenlicht. Torben öffnet die Tür des Ruderhäuschens, lenkt einhändig hin zum Kai. Denn Seeleute sind auch Seh-Leute – und Torben liebt die Silhouette seiner Stadt.

Nakskov: Mit Kapitän Torben Rasmussen (53) auf dem Postboot "Vesta" unterwegs im Nakskov Fjord. Letzte Station:Albuen, einst eine Insel, heute durch Verlandung mit dem Festland verbunden.
Albuen, einst eine Insel, ist heute durch Verlandung mit dem Festland verbunden.

Naksov-Fjord:  Gut zu wissen

Postboot-Fahrten

Anlegestelle: vor Havnegade 27

Plätze im Voraus beim Kapitän unter Tel. 0045/54 92 54 51 reservieren oder im Nakskov Turistbureau bestellen.

Auskunft

Visit Denmark (Dänisches Fremdenverkehrsamt)

Glockengießerwall 2, 20095 Hamburg, Tel. 040/32 02 10, www.visitdenmark.com

Nakskov Turistbureau

Axeltorv 3, DK – 4900 Nakskov, Tel. 0045/54 92 21 72, Fax 0045/54 92 35 97, www.turistlolland.dk

Dieser Beitrag war eine Auftragsarbeit für den Reportagedienst von Visit Denmark, der ihn am 12. Mai 2004 versandte. Am 11. April 2009 wurde er zusätzlich im Weser-Kurier veröffentlicht. 

Mit dem Postschiff durch den Nakskov-Fjord - ein Beitrag von HIlke Maunder für den Weserkurier

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