2003AustralienTasmania

Port Arthur : Himmel und Hölle

Ab 1830 war Port Arthur Endstation für die gefährlichsten Straftäter des britischen Empire. Das damals härteste Gefängnis der Welt galt als „Hölle auf Erden“. Heute ist das Unesco-Weltkulturerbe ein idealer Ausgangspunkt, um die Schönheit der Tasmanischen Halbinsel zu entdecken.

Ein Regenbogen überspannt die Carnavon Bay. Unter tiefschwarzen Wolken bricht die Sonne hervor und lässt die Ruinen ockerfarben leuchten. Vom Scorpion Rock schweift der Blick über eine weitläufige Parklandschaft, in der sich malerische Bauten erheben – eine im Westminsterstil errichtete Kirche, cremefarbene Cottages und das Haus des Kommandanten, vor dem mächtige Zypressen Wache stehen.

Still ist es. Schrecklich still. Wer mit den Wärtern oder Mitgefangenen sprach, landete in einem wandschrankgroßen Raum ohne Fenster: Isolierhaft für Tage oder Wochen, vor 150 Jahren erfunden in Port Arthur, der damals berüchtigsten Strafkolonie der Welt.

Mehr als 12.500 Häftlinge durchliefen von 1831 bis 1853 die „Hölle auf Erden“: Mörder und Hehler, aber auch solche, die nur eine Scheibe Brot gestohlen hatten. Die Briten kannten kein Pardon. Im Königreich waren die Gefängnisse überfüllt, in der entferntesten Kolonie des Empire hingegen gab es reichlich Platz für den „Abschaum“ der Gesellschaft. Bereits 1840 lebten schon mehr als 2000 Gefangene und Bedienstete in der Strafsiedlung auf der Tasman Peninsula.

Port Arthur Historic Site: Wohnhaus des Gefängnisleiters. Foto: Hilke Maunder

Zu fliehen war unmöglich: Eine eiskalte, tosende See, in der es von Haien wimmelt, brandet von drei Seiten an die Steilküste der Halbinsel. Den nur 100 m breiten Landriegel bei Eaglehawk Neck bewachte ein Kordon von Kettenhunden.

Dennoch wagten immer wieder „Convicts“ die Flucht – einer nutzte einen hölzernen Badetrog als Boot, ein zweiter wollte im Känguru-Kostüm an den Bluthunden vorbei hüpfen: 200 verzweifelte Versuche sind überliefert – und keiner war erfolgreich. Wer gefasst wurde, starb noch am gleichen Tag am Strang.

Als die Deportationen 1853 endeten, wurde die Anlage zur Nervenheilanstalt umgebaut und bereits 1877 aus Kostengründen geschlossen. 1895 und 1897 zerstörten Buschfeuer viele Gebäude. Von den einst mehr als 60 Bauten sind heute 30 restauriert. Neu ist einzig das Besucherzentrum. Hier erhält jeder Besucher seine Spielkarte der „Lottery of Life“, mit dem er das Schicksal eines einzelnen Gefangenen verfolgen kann – von der Deportation aus England bis zur Alltag in Port Arthur.

Port Arthur Historic Site. The Penitentiary. Foto: Hilke Maunder

Zum Wahrzeichen von Port Arthur wurde ein lang gestrecktes, vierstöckiges Gebäude aus Sandstein: The Penitentiary, eine Kornkammer und Getreidemühle, 1853 zur Unterkunft für 484 Gefangene umgebaut. Werkstätten, eine katholische Kapelle und eine Bibliothek mit 13.000 Bänden ergänzte den Zellentrakt.

Im „Model Prison“ von Port Arthur testete England ab 1848 ein neue Bestrafungskonzept: Die Häftlinge wurden nicht mehr physischem Drill, sondern totaler Isolation unterzogen. 23 Stunden lang hausten sie bei Sprechverbot in winzigen Zellen. Beim einstündigen „Freigang“ in Ketten versperrten Masken die Sicht. Die schlimmsten Straftäter wurden tagelang in stockdunklen Zellen eingesperrt. Im „Asylum“ von 1867 wurden die so psychisch zerstörten Täter bis zum Tod verwahrt.

Heute berichten Ausstellungen in beiden Gebäuden von den grausamen Lebensbedingungen der Gefangenen. Neben Häftlingskleidung, Peitschen, Ketten und Uniformen sind auch neunschwänzige Katzen zu sehen, eine Riemenpeitsche mit neun geflochtenen Lederriemen, mit der die Straftäter bis zur Bewusstlosigkeit ausgepeitscht wurden.

Ora et Labora. Mit harter Arbeit und viel Gebeten sollten die schweren Jungs zu anständigen Menschen reformiert werden. Daher wurde 1836-1837 auch die Convict Church erbaut. Geweiht wurde neogotische Kirche jedoch nie. Die offizielle Begründung: Alle Religionen nutzten das Gotteshaus. Doch im Schein der Laterne verrät Colin bei der Ghost Tour den wahren Grund: Während der Arbeiten am Fundament hatte ein Häftling einen Mitinsassen ermordet…

Port Arthur Historic Site. Foto: Hilke Maunder

Die meisten Strafgefangenen, die hier in Ketten Steine klopfen, Schiffe bauen oder Gemüse pflanzen mussten, überlebten den Aufenthalt nicht. Ihre letzte Ruhestätte fanden sie auf der Isle of Dead. Mehrmals täglich schippert die M.V. Bundeena zur Toteninsel hinüber. Ihr einziger Bewohner war der Häftling Mark Jeffrey.

Mit Spitzhacke und Schaufel musste der für seine Wutanfälle berühmte Ire tagein, tagaus, Gräber ausheben – anonyme, mehrstöckige Massengräber für die Häftlinge, Einzelgräber mit Grabstein für die rund 200 „freien Bürger“. Der Memorial Garden hält das Andenken an die 35 Toten und vielen Verletzten vom 28. April 1996 fest, als ein Amokschütze in Port Arthur ein Blutbad anrichtete.

Die Zellen der Zechpreller, schweren Jungs und Langfinger gehören heute zum UNESCO-Weltkulturerbe. Mit der Ernennung hat sich die „Hölle von Tasmanien“ vom angestaubten Museum zur Erlebnisausstellung gewandelt – mit archäologischen Ausgrabungen für jedermann, Sommertheater, Konzerten und den sehr beliebten Historic Ghost Tours, „Geister“-Führungen bei Dunkelheit. Das nahe Comfort Inn zeigt allabendlich die Verfilmung von Marcus Clarkes Sträflingsepos „For the Term of his Natural Life“, der 1920 hier entstand.

Nie geweiht: die Kirche von Port Arthur. Foto: Hilke Maunder

Am nächsten Morgen tummeln sich Robben und Delfine in der Mason Cove. Während MV Marana von Port Arthur nach Point Puer tuckert, wo ab 1834 die 10 – 18-jährigen Söhne der Sträflinge interniert wurden, startet ein Wasserflugzeug von Tasmanian Seaplanes zum Rundflug. Nach einem Schwenk über die Sträflingskolonie schwebt der Flieger über die geologischen Kuriositäten der Küste.

Nur wenig nördlich von Eaglehawk Neck trotzt seit mehr als 200 Millionen Jahren der wohl ungewöhnlichste „Bürgersteig“ Australiens den Brechern des Pazifik: das Tesselated Pavement, ein Stein-Trottoir im Schachbrettmuster. Weiter südlich drückt sich das Meer durch das Tasman Blowhole mehrere Meter hoch in den Himmel, brandet durch den Felsbogen „Tasman Arch“ und kocht gar teuflisch in der „Devil’s Kitchen“ – weiß schäumt die Brandung im engen Felskessel.

Hoch oberhalb der Steilküste schlängelt sich der Wanderweg an den bizarren Felsformationen vorbei, bis er an der Südspitze im Crescendo endet: Wie schmale Orgelpfeifen streben schmale Felssäulen vor Cape Pillar aus der Brandung empor. Die Westküste hingegen säumen sichelfömige Traumstrände wie White Beach und Roaring Beach.

Die meist nachtaktive Tierwelt der knapp 30 km breiten Halbinsel präsentiert der Tasmanian Devils Park bei Taranna: Bandicoots, kaninchengroße Nager mit Flötennase, wuschelig-träge Wombats, Klein-Kängurus namens Wallabies und Tasmanische Teufel. Zähne fletschend faucht der Raubbeutler mit seinen Raffzähnen die Besucher an.

Dieser Beitrag ist u.a. im Online-Magazin Schwarzaufweiss.de erschienen. 

Tesselated Pavement: ein Bürgersteig der Natur. Foto: Hilke Maunder

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