2007DänemarkEuropa

Thy: Radeln zwischen Meer und Fjord

Ein perfekt ausgeschildertes Streckennetz, kaum Steigungen, viele fahrradfreundliche Unterkünften und die abwechslungsreiche Landschaft von Dänemarks erstem Nationalpark: Radfahren auf Thy ist Entspannung pur – gäbe es nicht ein neugieriges kleines Mädchen, das mit ihrem roten Miniflitzer als erstes auf den Strand saust.

Kaum im Ferienhaus angekommen, schnappt sich Lara (5) ihren Helm, schwingt sich auf ihr 16-Zoll-Rad und strampelt los. Hinter den Dünen, weiß sie, beginnt das Meer. Und jetzt will sie Muscheln sammeln.

Als endlich die restliche Familie fertig zum Fahrradausflug ist, kämpft sie sich längst durch den Strand. Auf dem festen, feuchten Sand der Brandungskante angekommen, fährt es sich besser: Juchzend saust sie durch die auslaufenden Wellen: Solch riesige „Pfützen“ gibt es in der Stadt nicht.

Die Strandfischer von Norrepør – ein beliebtes Ziel für Radtouren auf Thy. Foto: Hilke Maunder

Doch Thy bietet durchaus besseres Terrain. Die Halbinsel zwischen Nordsee und Limfjord wurde von Cycling Denmark als fahrradfreundliches Gebiet anerkannt und erfüllt damit die Kriterien des Qualitätslogos: Es gibt Fahrradkarten und Routenbeschreibungen, die im Internet als PDF oder im Touristbüro als Broschüre erhältlich sind sowie mehrere Stationen, an denen Leihräder für Kinder und Erwachsene tage- und wochenweise entliehen werden können.

Ein weißes Fahrrad auf rotem Grund, das Logo von Cycling Denmark, signalisiert besonders radelfreundlichen Unterkünfte. Ob Kro oder Camping, Jugendherberge oder Wanderheim: Stets können Gäste davon ausgehen, dass es dort einen Fahrradschuppen zum Unterstellen gibt, einen Werkzeugkasten für Reparaturen und Trockenkammern für Kleidung oder Ausrüstung.

Doch nun: rauf aufs Rad. Badezeug und Picknickkorb kommen auf den Gepäckträger, die Routenkarte klemmt am Lenker. Vom Meer weht eine leichte Brise, Schäfchenwolken tanzen am Himmel.

Selbst die Straßen in und zwischen den Orten sind kaum befahren auf der Halbinsel Thy. Foto: Hilke Maunder

Zwei Radfernrouten, drei nationale Routen und zwölf regionale Routen warten darauf, entdeckt zu werden. Die Unterscheidung ist einfach und landesweit einheitlich. Nationale Radrouten sind mit weißen Ziffern von eins bis zehn auf rotem Viereck gekennzeichnet, regionale Fahrradrouten tragen die Ziffern 16 – 99 auf blauem Grund, lokale Routen die Zahlen 100 bis 999.

Größte Herausforderung für Fernradler ist der Vestkyststien (Westküstenweg), der als Teil der 6.000 km langen North Sea Cycle Route und nationale Fahrradroute 1 auf 550 km Länge von der deutsch-dänischen Grenze bis zur Spitze Jütlands nach Skagen führt.

Das rund 80 km lange Teilstück auf Thy beginnt bei den „sorte Huse“ von Agger, säumt die Steilküste von Lodbjerg, berührt traditionelle Landungsplätze der Strandfischer wie Stenbjerg, Norre Vorupør und Klitmøller und schwingt sich zum Abschluss zum 47 m hohen Bulbjerg auf, Dänemarks einzigem Vogelfelsen.

Der Leuchtturm von Hanstholm. Foto: Hilke Maunder

Die nationale Fahrradroute 2 verbindet den Fischereihafen Hanstholm, über dem Dänemarks größte Verteidigungsanlage aus dem Zweiten Weltkrieg auf einer Steilstufe thront, mit Kopenhagen. Wer nicht die 420 Kilometer bis zur dänischen Inselhauptstadt zurücklegen möchte, kann auf drei 24 – 32 km langen Routenvarianten bis zur Inselhauptstadt Thisted radeln. Am Vandet Sø ruft Lara: „Pause!“ Sie hat badende Kinder entdeckt – und eine Feuerstelle. Wenig später brutzeln Äpfel in Alufolie in der Glut.

2002 wurde die Limfjordroute als zwölfte nationale Fahrradroute eröffnet, eine 610 km lange, recht hügelige Verbindung zwischen Hals an der Ostsee und Thyborøn an der Nordsee. Ihr besonderer Charme: die Fährfahrten – mit denen die Route verkürzt oder zu den Inseln Egholm, Livø, Fur, Mors und Venø gehüpft werden kann.

Die Aggersborg am Limfjord. Foto: Hilke Maunder

Die zwölf regionalen Radrouten auf Thy, allesamt von Mitgliedern des Dansk Cyclistforbundet getestet, präsentieren ein Kaleidoskop aus Landschaften, das fast die gesamte Bandbreite dänischer Natur auf kleinstem Raum vereint. Auf Thy wurde daher 2007 vom dänischen Umweltministerium auf 24.370 Hektar Dänemarks erster Nationalpark eingerichtet.

Zwischen Klimøller und Hanstholm erfährt eine kleine Radlergruppe die weite, karge Dünenlandschaft mit allen Sinnen: die Brandung im Ohr, die Brise von vorn, der Schweiß auf der Stirn. Südlich von Klitmøller wechseln die Dünenheiden mit Klitplantagen, Küstenschutzpflanzungen, die vor mehr als 100 Jahren angelegt wurden, um dem Sandtreiben Einhalt zu gebieten.

Heute sind aus den Einheitsforsten richtige Wälder entstanden, mit Tannen und Kiefern, Birken und Buchen. Noch artenreicher ist die Eshøj Plantage bei Thisted: 150 verschiedene Büsche und Bäume wachsen in dem 16 Hektar großen Waldgebiet.

Die Stadtkirche vo Thisted umgeben charmant nostalgische Bauten. Foto: Hilke Maunder

Folgt man den Waldwegen und Landstraßen ins Landesinnere, zeigt sich das milde, anmutige Thy mit grünen Hügeln, gelben Rapsfeldern, Kuhweiden und duftenden Heideflächen, bis die sanften Wellen des Limfjords an den Strand rollen. Hohe Klippen, flache Geröllbänke, kleine Sandstrände und idyllische Häfen säumen hier die Küste.

Immer wieder ist der Hauch der Geschichte zu spüren, allgegenwärtig und greifbar. Auf den fünf markierten Routen durch Südthy steigen Radlergruppen gerne ihren Vorfahren auf die Schultern und erklimmen einen Grabhügel.

Jazz am Hafen von Thisted. Foto: Hilke Maunder

Eine andere Radroute endet in am alten Burgplatz Sjørring Volde – er lag strategisch günstig an einer Wegkreuzung, an der sich sechs Straßen trafen, weil hier zwei heute ausgetrocknete Seen passiert werden konnten.

Von Østerild, einem guten Ausgangspunkt für Radtouren entlang der stillgelegten Bahnstrecke durch das Vogelschutzgebiet Vejlerne, lohnt sich ein Abstecher zum Kirsten Kjær Museum.

John Anderson und Harald Fuglsang, Freunde der 1985 verstorbenen Malerin, verwöhnen ihre Gäste nicht nur mit einem Kunsterlebnis, bei dem Leben und Werk der kauzigen Künstlerin so lebendig werden wie selten in einer Galerie – sondern auch mit Kaffee und Kuchen im Garten.

Thy: Wohnhaus und Atelier von Kirsten Kjær sind heute ein Museum. Foto: Hilke Maunder

Radeln auf Thy: Info

Leihräder

Thisted Turistbureaus Fahrradverleih

(an der Statoil-Tankstelle), Østerbakken 63, DK – 7700 Thisted, Tel. +45 96 17 02 22

Schlafen

Ferienhäuser vermittelt das Turistbureau; gute Küche und komfortable Betten bietet das Hotel Thinggaard, Jernbanegade 5, DK – 7760 Hurup, Tel. +45 97 95 12 00, http://hotelthinggaard.dk

Auskunft

Thy Turistbureau

Store Torv 6, Det Gamle Rådhus, DK-7700 Thisted, Tel. +45 97 92 19 00, www.thy.dk

Dieser Beitrag wurde im Herbst 2007 als Auftragsarbeit für den Reportagedienst von Visit Denmark erstellt und von  zahlreichen deutschen Medien abgedruckt, darunter die „Lübecker Nachrichten“ am 13. Oktober 2007.

Thorup auf Thy mit seinen Strandfischern, Foto: Hilke MaunderWeiterlesen
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